The(G)net Review: Shenmue III

Kickstarter sei Dank. Ohne die Crowdfunding Website plus Zuschuss von Sony, Epic, Deep Silver und natürlich Sega hätte Shenmue 3 wohl nie das Licht der Welt erblickt. Yu Suzukis Fortführung seines Epos liess über 18 Jahre auf sich warten. Nun ist es endlich soweit. Wir begleiten Ryo Hazuki ins chinesische Hochland und versuchen erneut dem mysteriösen Mord seines Vaters aufzuklären.



Kaum mit seiner Dauerbegleiterin Sehnhua im idyllischen Bergdorf Bailu angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Sämtliche Steinmetze des Dorfes wurden von fiesen Schlägern heimgesucht und Shenhuas Vater und sein Lehrling sind seitdem verschollen. Während Ryo die komplette Einwohnerschaft in dialoglastigen Zwischensequenzen nach dem Vorfall befragt, um die unfreundlichen Herren zur Rechenschaft zu ziehen, wird seine Detektivarbeit von zahlreichen unvorgesehenen Ereignissen unterbrochen. Mal muss er die weitläufige Gegend nach verlorenen Kindern durchforsten oder einem scheuen Jungen bei der Partnerwahl unter die Arme greifen. Ein ander Mal pflückt er Gräser und Blumen oder hackt Holz, um sich ein paar Kröten für Lebensmittel zu verdienen. Denn ohne Moos nix los!



Die Aufgaben und Missionen in Shen Mue 3 sind breitgefächtert. Im Gegensatz zu den vorherigen Abenteuern, spielt Ryos Verdauung Wilder Westen. Falls er sich für einen längeren Zeitraum nichts hinter die Kiemen schiebt, sinkt seine Ausdauer schnell auf Null. Glücklicherweise bieten allerlei Shops und Marktstände Fressalien in Hülle und Fülle an. Solange Ryo fleissig einkauft, regelmässig Nahrung zu sich nimmt und seine Energie im grünen Bereich liegt, rennt er wie ein junges Reh durch die Gegend. Fällt seine Ausdauer auf die letzten 3 Energiepunkte abfällt, kann er zwar noch agieren, aber nach ein paar Sekunden trabt er nur noch im Schritttempo durch die Pampa. Ein guter Energiehaushalt ist absolut notwendig in Shenmue 3.



Da überall übermotivierte Kampfkünstler - wir sind ja schliesslich in China - uns zu einem kleinen Stelldichein auffordern, hat ein wohlgenährter Ryo weitaus grössere Überlebenschancen. Denn neben investigativer Personenbefragung ist Kämpfen ein überlebenswichtiger Part. Zu Beginn noch als Martial Arts Amateur unterwegs, trainiert er im Dojo oder am Schlagbaum Ausdauer und Kampfkraft oder nimmt für Kung Fu Erfahrung an Sparrings teil. Ohne stetiges Üben liegt Ryo schneller auf den Brettern als ihm lieb ist. Zusätzlich bestückt er R2 automatisch oder manuell mit kräftigen Kombos, die in Form von erwirtschafteten Schriftrollen erlernt werden und blockt mit L2 Gegentreffer, insofern er nicht per den 4 Hauptasten Handkantenschläge und Fusstritte verteilt.



Auf seiner Chinarundreise trifft Ryo auf allerlei bizarre Zeitgenossen. Manche der NPCs helfen aus oder schicken unseren Haudrauf auf kleine Nebenmission. Zur Entspannung vertrödelt Ryo u.a. seine Zeit mit simplen Minispielen, zockt in unterschiedlichen Spielhöllen um den Hauptgewinn, versucht sich im Fischereiwettbewerb und plündert Spielzeugautomaten, um die gewonnen Komplettsammlungen gewinnbringend zu verscherbeln. Ab und zu werden kurze Quicktimeevents eingestreut, die Ryos volle Konzentration fordern.



Shenmue 3 folgt auch wie die Vorgänger dem Tag/Nachtsystem. Ständig tickt die Uhr und ab 9.30 abends kehrt Ryo in Shenhuas Quartier, oder im späteren Spielverkauf ins Hotel einer Hafenstadt zurück, speichert (jederzeit auch im Optiondnenu möglich) und legt sich bis zum nächsten Morgen ins Bett - Energiewiederauffrischung inklusive. Veteranen versuchen sich im Hard Modus, Neulinge oder gemächliche Naturen wählen Easy oder den normalen Schwierigkeitsgrad und Masochisten geben alles im Ultramodus. Shen Mue 3 spielt sich ausschliesslich in der Third Person View, wer aber ständig L2 und R2 gedrückt hält, kann auch in der Ego Perspektive durch das China von 1987 stelzen... und an die Hardcorefans. Ja! Auch diesmal kurvt Ryo als Gebalstaplerfahrer durch die Lagerhalle! Puh!



Fazit:

Zwischen Genie und Wahnsinn liegt oft ein schmaler Grat. Yu Suzukis Detailversessenheit kratzt an der Grenze der gesunden Spieleentwicklung. Ich möchte nicht wissen wie viele Überstunden nötig waren, um die Vision vom Urvater von Spielen wie Daytona USA und Virtua Fighter zufriedenzustellend abzuschliessen. Jeder Charakter, und es gibt mehr als 100 unterschiedliche Figuren, sind bis auf wenige Ausnahmen einzigartig und mussten aufwendig animiert werden. Trotzdem treffen die überzeichneten, asiatischen NPCs genau meinen Humor und nicht selten zauberte Suzuki ein Lachen in mein Gesicht. Und ich lebe seit 13 Jahren in Asien, ich weiss wovon ich rede. Auch das weitläufige Hochlanddorf und später die kleine Hafentadt sind vollgestopft mit Minigames, Shops, Kampfgelegenheiten und Nebenmissionen. Hätte Mr. Yu noch mehr reingepackt, wäre das Game explodiert.


Doch wie viele Perfektionisten verliert sich Suzuki in seiner eigenen Selbstverliebtheit. Das ganze Dialogsystem ist ein waschechtes Disaster. Entweder sind sie platt, wiederholen sich oder bringen sogar komplette Zeitlinien durcheinander. Langsam frage ich mich, was für Lappen da das Sagen hatten. Horror und dauerhafte Zeitverschwendung. Auch dass alle paar Sekunden bis Minuten ständig nachgeladen wird, freut Chinareisende nicht. Die Ladezeiten sind zwar nur kurz aber nerven trotzdem. 2019 ist das kein Standard. Ich kann nur vermuten, dass für die finalen Version die unterschiedlichen Programmierteams alles setzbaukastenmässig zusammen gewürfelt haben.



Fighttechnisch greift man auf Virtua Fighter zurück. Skills sind nicht gross gefragt. Wer fleissig in den stets wiederholenden und langweiligen Übungssequenzen trainiert, erledigt durch gelegentliches Blocking und stetiges Buttongemashe selbst den grössten Obermotz. Technisch erreicht Shenmue 3 anscheinend das Limit. Regelmässig ploppen Charaktere und Objekte mitten im Spiel auf. Im schlimmsten Fall muss man sich kurz entfernen um z.B. Shopbesitzer oder Markthändler erscheinen zu lassen! Ich frage mich immer wer sowas testet, vielleicht klappts auf der PSpro, aber für einen 1st Edition PS4-Besitzer wie mich ist das inakzeptabel. God of War oder Death Stranding zeigen, dass es auch anders geht. Grafisch pendelt das Spiel zwischen fragwürdigen Gesichtsanimationen und atemberaubenden Landschaftsszenarios. Musikalisch brennt man wiederum ein soundtechnisches Feuerwerk ab. Die hochwertigen, ständig wechselnden Asia-Klänge lindern die obengenannten Patzer ein wenig. Auch storytechnisch liegt alles im grünen Bereich. Durch die vielen Wendungen und die absurden NPCs kommt keine Langeweile auf. Das grösste Problem von Shenmue ist jedoch Segas Prügelepos Yakuza. In allen Belangen übertrifft die hochwertige Fight-Serie Suzukis neustes Werk. Mr. Yu ist ganz einfach in der Zeit stehen geblieben. Selbstüberschätzung und vergangener Producer Stardom gepaart mit Spielmechaniken aus der Dreamcastära verwehren "Mr. Daytona" eine Wertung in der Oberliga. Fans wie ich pfeifen drauf und freuen sich auf die Weiterführung der Trilogie. Der Rest widmet sich Yakuza 6 oder 0.



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