The(G)net Review: The Amazing Spider-Man
- Matthias Schmidlin

- 10. Aug. 2012
- 3 Min. Lesezeit
Ein tiefer Seufzer entfährt mir, als ich die Verpackung aufreisse. Haarsträubende Erinnerungen an unzählige vergangene Lizenz-Spiele vermischen sich mit goldenen Gedanken an Titel wie Batman: Akham City. Doch nur die Praxis wird zeigen, ob wir uns im neuen Manhattan wohlfühlen werden. Also, Leggins-Kostüm übergestreift, Spinnensinne aktiviert, auf ins Getümmel.

Das Spiel setzt dort an, wo der Film aufgehört hat (Kleiner Film-Spoiler, Achtung!), Spider-Man hat New York vor einer gefährlichen Artenkreuzung, der Echse, gerettet und diese (eigentlich Wissenschaftler Connors) in die Klapse befördert, wo dieser zu Spielbeginn auch noch immer sitzt. Der Grosskonzern Oscorp führt nun – entgegen Medienmitteilungen – die Experimente Connors weiter und Spider-Man sieht die Befreiung und Zusammenarbeit von Connors als einzigen Weg, um die herannahende Gefahr zu bannen.

In einem angenehmen Tutorial lernt man die Bewegung und den Kampf als Spinnenmann in Manhattan. Dieses ist gross, einigermassen vielseitig und lädt zum Entdecken ein. Mit den Netzdrüsen verschiesst man Fäden, mithilfe derer man sich zwischen den Häusern durch schwingt. Spider-Mans Fäden halten sich dabei an keinem definierten Objekt fest, Die Fäden hängen in der Luft. Rumschwingen geht einfach, nämlich mit gehaltener Schultertaste oder etwas komplizierter, in dem man per RB in den Netzsprint-Modus wechselt. In diesem geht man in eine Zeitlupe, wählt das gewünschte Ziel an und Spidey rast zum anvisierten Punkt, alle interaktiven Objekte im Spiel lassen sich auf diese Weise schon aus grosser Entfernung anpeilen, sogar Schalter und neutrale Kisten. Das Ganze fühlt sich sehr flüssig und sauber an, das Kampfsystem und die Stealth-Einlagen in Spider-Mans Repertoire sind angenehm spielbar und wunderschön animiert. Auch grafisch hat das Spiel ein gutes Niveau, Die Stadt hat zwar ihre regelmässigen Wiederholungen, aber man geniesst coole Details wie die Schrammen im Outfit und auf der Haut nach kassierten Treffern. Toll ist auch, dass man das Kapfsystem schon aus Batman kennt und das nicht mehr lernen muss. Scherz beiseite, das ist kein Vergehen, denn es ist gelungen und das ist gut so. Noch ist es gut so...

Anfangs sind die Reaktionen der Gegner, die sich einem in nicht allzu grosser Vielfalt entgegenstellen, oft irritierend, später gewöhnt man sich aber daran und erledigt die Hälfte aller Widersacher einzig aufgrund ihrer unfassbaren Dummheit. Das geht anders, denn selbst ein Taubstummer realisiert, wenn 10 Meter entfernt in seinem Blickfeld ein Minigun-Geschütz zu Brei geschlagen wird. Nicht so Spider-Mans Gegner, Entschuldigung, Opfer, denn diese warten lieber auf unbegreifliche Timings um zu attackieren. Allgemein ist das Gegnerdesign und ihr Einsatz keine Meisterleistung, die Gegner-Setups im Level sind auffällig repetitiv. Beispielhaft zeigt sich eine Szene mit vier aufeinanderfolgenden, exakt gleichen Räumen, in denen sich kein einziges Detail am Erschienen und Verhalten der Gegner ändert, erste Schmerzen machen sich breit.

Das Spiel bietet eine gute Abwechslung von Innenräumen und Action in der offenen Stadt. Draussen findet man neben vielen kleinen Quests, Comicbuchseiten und Geschicklichkeit-Challenges echte Perlen des Spiels wie Kämpfe mit den fliegenden Jäger-Robotern über den Dächern von Manhattan – brachial inszeniert und sehr dynamisch zum Spielen.
Drinnen kann man sich zwar als Schleich-Spinne versuchen und Gegner unbemerkt ausschalten, doch im Innenbereich steht alles im grossen Schatten des mässigen Leveldesigns. Das beste Tool der Entwickler ist der Lüftungsschach, der in linearen Schlauchlevels unzählige Male Räume verbindet. Nach gefühlten 100 Schächten macht Spider-Man den besten Spruch, den er im Spiel von sich gibt (auch wenn die Konkurrenz um diesen Titel eher schwach ist): „Muss es denn immer ein Lüftungsschacht sein?“ Ich durfte endlich wieder mal lachen.

Die Sprache im Spiel gibt ebenfalls Rätsel auf. Ich erwarte keine gute Sprüche oder hochstehende Diskussionen von Spider-Man, der ohnehin nie für seine Wortgewandtheit bekannt war. Eine einigermassen abgestimmte Synchronisierung der deutschem Sprachausgabe auf die Animationen wäre aber wünschenswert, denn die umgesetzte Version verleitet zum Abschalten des Tons und das Umsteigen auf Untertitel. Die Konversationen geben der einigermassen gelungenen Story zwar die nötigen Informationen und sind eigentlich stimmig, aber die Fehler in der Synchro sind ein grosser Dorn im Auge. In diesem Umfang ist das für ein Vollpreisspiel leider nicht mehr akzeptabel.
Fazit:
Spider-Mans neues Abenteuer ist trotz den vielen Fehlern kein katastrophales Lizenzspiel, das man auf keinen Fall anfassen sollte. Grafisch und oft auch spielerisch ist der Titel ein guter Weg um sich den Feierabend zu versüssen. Wenn man einfach nur Spass am Gefühl hat Spider-Man zu sein, wird das einem nicht verwehrt und man geniesst die Dynamik des Spiels. Fans können getrost zugreifen und werden keine allzu schlimmen Folgeschäden davon tragen. Das grosse Problem des Titels ist die Dauer des Spielspasses, denn dieser geht nach dem dritten gleichen Raum in Folge, der zehnten exakt gleichen Quest und dem hundertsten Lüftungsschacht den Berg runter bevor das Spiel zu Ende ist. Schade, der Nahrungsboden für ein Spider-Man-Spiel ist riesig und wurde – einmal mehr – nicht vollumfänglich ausgeschöpft.







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