The(G)net Review: Crisol: Theater of Idols
- Sascha Böhme
- vor 1 Stunde
- 4 Min. Lesezeit
Blumhouse ist vor allem für seine günstig produzierten und dadurch meist sehr profitablen Horrorfilme bekannt. Daher weiss man nie so recht, ob einen gleich ein genialer Moment trifft oder ob man am Ende nur denkt: "Joa, war nett". Genau deshalb war ich neugierig, wie das Ganze als Games Label funktioniert, wo Blumhouse Games ja ziemlich klar auf Horror zielt. Genau mein Ding.

Crisol: Theater of Idols ist einer dieser sympathischen, leicht überambitionierten Indie Horrortrips, bei dem man mittlerweile froh ist, dass jemand ihn überhaupt produzieren durfte. Die Bühne ist eine alternative Version Spaniens, die so charmant dreist einfach "Hispania" heisst. Du spielst Gabriel, gläubiger Diener eines Sonnengottes, der dich auf eine einsame Insel schickt, wo ein Priester für einen rivalisierenden Meeresgott predigt. Religiöser Streit der Sorte "du gehst da jetzt hin und machst dem ein Ende!". Das Problem: Die Insel ist voll mit wiederbelebten Mannequins, die wirken, als hätten sie in einem verfluchten Kaufhaus die Nachtschicht übernommen und beschlossen, dass Atmen ein Kündigungsgrund ist.

Nach der ersten ordentlichen Abreibung kommt der göttliche Twist: Der Sonnengott segnet uns mit Blutmanipulation. Aus normalen Waffen werden heilige Feuerwaffen, und wir können fortan den Schaufensterpuppen endlich ernsthaft wehtun. Klingt nach Powerfantasie, hat aber einen Haken, der eigentlich das Herzstück des Spiels sein soll: Nachladen kostet Gesundheit, weil Kugeln mit unserem Blut beschworen werden. Auf dem Papier ist das ein tolles Dilemma. Sparst du Blut, schleichst du mehr, vermeidest du Konflikte, oder gehst du all-in nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung"?

In der Praxis ist es leider weniger fies, als es sein müsste, weil Heilung praktisch nie ein Problem wird. Du findest überall Blutspritzen der Marke "Bioshock" und kannst bei herumliegenden Tierenkadavern sogar Blut absaugen und dich damit relativ problemlos wieder auffüllen. Dadurch kippt die Balance: Ich hatte selten Angst vor Begegnungen, sondern eher das Gefühl, dass ich Gegner farmen soll, weil Kämpfe eben auch Upgrade Punkte einbringen. Nur sind die Monster aus Holz und Stein absurd widerstandsfähig (auf Stufe "Normal"). Am Anfang brauchst du gefühlt mehrere Magazine, um eine Puppe wirklich auszuschalten. Das klingt nach Challenge, ist es aber kaum, weil das Spiel ihnen gleich die Achillesferse mitliefert: Schüsse ins Bein machen sie dauerhaft langsam oder gleich bewegungsunfähig, Schüsse in den Kopf nehmen ihnen die Sicht. Danach ist es oft nur noch ein repetitives "nachladen, bluten, heilen und weiter", bis der nächste Fiesling ruft.

Und hier liegt der Knackpunkt: Crisol tut gern so, als wäre es actionreich, aber es ist eher ein zähes, langsames Vorwärtsarbeiten. Vom Feeling her am ehesten mit Resident Evil 7 vergleichbar. Die Mannequins erfüllen eine ähnliche Funktion wie die Schimmelmonster: Viele davon, nervig, atmosphärisch ok, aber selten wirklich gruselig. Schreckmomente gibt es, ja, aber das Spiel baut kaum echten Horror auf. Gabriel kommentiert gefühlt alles, während die Gegner meist stumm bleiben.

Zwischendurch wirft uns das Spiel Dolores hin, eine riesige, unkaputtbare und erstaunlich gesprächige Schaufensterpuppe, die in Stealth Abschnitten Jagd auf uns macht. Das klingt nach Alien: Isolation, spielt sich aber zu keiner Zeit so intensiv, weil die KI sehr vergesslich agiert. Und weil Dolores so riesig ist, wirkt sie optisch zwar stark, mechanisch aber oft wie ein Boss, der seine eigene Bedienungsanleitung nicht gelesen hat. So hängt das Spiel irgendwo zwischen Resident Evil, Alien: Isolation und BioShock fest, besonders beim Tempo und beim Kunststil, ohne jedoch die Qualitäten dieser Vorbilder zu erreichen.

Die Welt von Crisol ist dabei recht linear. Ab und zu gibt's Abzweigungen, aber schlussendlich führen alle Wege nach Rom. Trotzdem gibt's eine praktische Karte, die vor allem dazu dient, zuvor verschlossene Türen, wichtige Items oder allerlei Sammelkram zu finden. Solange ein Bereich noch rot dargestellt wird, haben wir noch nicht alles entdeckt. Auch eine Hub-Area existiert, wo wir uns bei einer netten Hexe mit neuen Skills und Upgrades versorgen, manuell Speichern, mit NPCs unterhalten oder eines des vielen Jahrmarkt Mini-Games spielen, um Tickets zu verdienen, die wir dann wiederum gegen hilfreiche Items eintauschen.

Neben üblichen Waffen wie Pistole, Shotgun, Sniper und MG wird uns gleich zu Beginn ein taktisches Messer mit auf den Weg gegeben. Interessant ist, dass wir das Messer auch zur Abwehr nutzen können, wenn das Timing stimmt. Blocken wir zur rechten Zeit, bringen wir Gegner zum Taumeln und können so ein paar Extra-Treffer landen. Allerdings nutzt sich die Klinge schnell ab und verliert ihre Power, worauf sie an speziellen Schleif-Stationen wieder geschärft werden muss. Allerdings ist dazu Benzin nötig. Haben wir keines dabei, bleibt das Messer nahezu unbrauchbar.

Optisch sieht das Spiel stellenweise richtig stark aus. Ein visuell beeindruckender Mix aus traditioneller Architektur, historischen Einflüssen, spanischem Flair und eigenwilliger Technik, der vor allem durch stimmungsvolle Beleuchtung und markante religiöse Symbolik punktet. Die Schauplätze überzeugen durchgehend, während die menschlichen Figuren im direkten Vergleich stellenweise fast schon überzeichnet und etwas zu cartoonhaft wirken. Auf PS5 Pro läuft Geschehen zu jeder Zeit mit flüssigen 60 FPS. Nur wenn das Spiel im Hintergrund nachlädt, kann es kurz zu Rucklern kommen.

Die Rätsel in Crisol: Theater of Idols sind klassisches Survival Horror Futter, fordern aber teilweise richtig Grips. Wir sammeln Hinweise aus Notizen, Umgebung oder Requisiten und setzen dann Mechanismen in Gang, die uns neue Wege öffnen. Beim "Domino-Rätsel" war ich mal kurz überfordert. Später kommen technische Schalter- und Verkabelungsrätsel dazu, bei denen Reihenfolge und Logik eine Rolle spielen und die alles andere als simpel sind.
Fazit:
Die Idee, Munition mit dem eigenen Blut zu erzeugen, ist stark und originell, doch spielerisch bleibt das Ganze zwischen Ego Shooter und Survival Horror stecken, ohne sich klar für eine Richtung zu entscheiden. Trotz ein paar Jump-Scares würde ich Crisol nicht als gruselig bezeichnen. Hinzu kommen Gegner, die sich (auf normaler Spielstufe) zu zäh anfühlen, sowie Stealth Passagen, die sich mit etwas Aufmerksamkeit allzu mühelos meistern lassen. Trotz aller Kritik: Ich mochte das Setting, die überaus hübsche Grafik und ich respektiere vor allem den visuellen Mut. Technisch läuft das ganze bis auf wenige Ausnahmen (Lade-Ruckler) sehr sauber. Zudem predige ich ja immer, dass wir wieder mehr "klassisch-lineare Singleplayer Spiele" brauchen. Crisol ist genau das. Ein Spiel irgendwo zwischen Resident Evil und Bioshock. Ich hab mich in den gut 12 Stunden jedenfalls nicht gelangweilt und das Ding in fast einem Atemzug durchgezogen. Und das allein ist Beweis genug, dass es hier viel zu mögen gibt.

Crisol: Theater of Idols ist als Download für PC, PS5 und Xbox Series X|S erhältlich. Wir haben uns das Spiel zuerst selbst gekauft und auf einem PC mit GeForce RTX 5070 getestet. Später hat uns Blumhouse Games einen Key für PS5 geschickt, worauf wir auch auf Sonys Konsole reingespielt haben.



