The(G)net Review: The 9th Charnel
- Sascha Böhme
- vor 5 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
The 9th Charnel wirkt wie das Ergebnis einer sehr klaren Obsession: Jemand wollte den klassischen psychologischen Horror zurückholen, ihn aber nicht nur als Spaziergang durch Jumpscares inszenieren, sondern als Überlebensprüfung mit echten Konsequenzen. Ob das gelungen ist?

Eigentlich klingt alles vielversprechend: Das Gefühl alter Genregrössen mit moderneren Survival Regeln. Entstanden ist das Ganze nicht in einem Hochglanzstudio, das nebenbei noch ein zweites Resident Evil oder Silent Hill in der Pipeline hat, sondern aus Genre Liebe und mit begrenzten Mitteln. Und diese Ausgangslage erklärt schon das zentrale Problem: Wie erschafft man Angst, Spannung und Dringlichkeit, wenn man nicht mit Materialschlachten protzen kann?

Die Antwort der Entwickler scheint eine Mischung aus Inspiration und Eigenständigkeit zu sein. Man spürt Einflüsse von Outlast, Amnesia und selbstverständlich Resident Evil, aber The 9th Charnel versucht, daraus etwas eigenes zu bauen, indem es Stealth, Ressourcenverwaltung und Kämpfe nur als seltene, teure Option zulässt statt als Dauerlösung.

Die Handlung: Michael J. Jones strandet nach einem Crash in einem abgelegenen Tal, während seine Begleiter Sara Whitlock und Daniel J. Hart fast sofort verschwinden. Was zuerst wie eine klassische Such- und Rettungsnummer wirkt, kippt schnell in etwas Unheiligeres: Eine fanatische religiöse Gruppe kontrolliert das Gebiet, enge Pfade, verfallene Gebäude, Rituale, Symbole an Wänden und eine Architektur, die dich permanent einengt, arbeiten daran, dass du dich wie Beute fühlst.

Erzählt wird das Ganze typisch für das Genre über Fundstücke. Notizen, Tagebücher und Fragmente füttern nach und nach die Hintergründe zu Kult, Tal und den Figuren. Sechs zentrale Charaktere bringen dabei persönliche Ängste und Motive ins Spiel, was dem Setting mehr Gewicht geben soll als reine Monsterfolklore. Gleichzeitig kann man dem Skript nicht immer den Vorwurf ersparen, dass es bekannte Muster nutzt: Sekte, abgeschotteter Ort, Protagonist in der Falle, dazu die erwartbaren Abzweigungen zwischen Wahnsinn und Überlebensdrama. Das kennt man alles. Das Tempo sitzt aber meist, und der Entdeckertrieb funktioniert, weil die Geheimnisse häppchenweise serviert werden und das Tal immer wieder neue, unangenehme Fragen stellt.

Spielerisch lebt The 9th Charnel von drei Säulen: Erkunden, Schleichen, Kämpfen. Der Einstieg nimmt sich Zeit. Du tastest dich durch Gebäude, sammelst Hinweise und suchst nach allem, was dich am Leben hält. Der Ort ist so gebaut, dass er verwirrt und drückt, wodurch Planung automatisch zur Kernmechanik wird. Und Planung bedeutet hier vor allem: Inventar Entscheidungen. Batterien, Erste Hilfe, Munition, Schlüssel, alles konkurriert um knappen Platz. Man muss ständig abwägen, ob man kurzfristig Sicherheit will oder langfristig Fortschritt.

Heimlichkeit ist anfangs nicht optional, sondern essentiell. Michael ist zu Beginn wehrlos, also werden Schatten, Deckung und Timing grossgeschrieben. Verstecken und Flucht lösen viele Probleme, wenn das System funktioniert. Das ist leider eher selten bis gar nie der Fall. Die Gegner KI reagiert absolut inkonsequent, manchmal ignorieren Gegner dich, selbst wenn du dich vor ihren Augen in einem Schrank versteckst. Genau diese Unberechenbarkeit bricht immer wieder die Immersion und zieht das Spiel ungewollt ins Lächerliche.

Kämpfe kommen später dazu. Pistole, Schrotflinte und Co. sind eher letzte Auswege als Power Fantasy. Munition ist selten, Gegner sind zäh, und jeder Schuss fühlt sich wie eine Entscheidung an, die du später bereuen könntest. Damit trifft das Spiel einen wichtigen Punkt des Survival Horrors: Du wirst nicht zum Actionhelden, du bleibst ein Mensch mit schlechten Optionen. Das erzeugt gut Panik, weil du zwar manchmal zurückschlagen kannst, aber nie so richtig sicher bist.

Dazwischen streut The 9th Charnel Rätsel ein, um den Puls zu variieren. Viel läuft über klassische Schloss, Schlüssel und Schalter Logik, einiges fordert mehr Aufmerksamkeit und bringt dich dazu, unter Stress nach Mustern zu suchen. Oft wirkt das formelhaft und verwirrend, aber grundsätzlich passen die Aufgaben gut zur Grundidee: Du sollst langsam agieren, genau hinschauen, die Umgebung lesen, statt nur von Encounter zu Encounter zu rennen. Fortschritt entsteht hier über Wissen, Routenplanung und sauberes Haushalten.

Technisch ist das Spiel eine kleine Katastrophe. Wettereffekte, dichte Wälder, bröckelnde Strukturen und detailreiche Innenräume erzeugen zwar diesen filmischen Druck, der psychologischen Horror erst richtig trägt, aber die schwachen Charakter-Modelle mit ihren extrem steifen Animationen wirken einfach nur absurd. Besonders in Zwischensequenzen oder in Nahaufnahmen musste ich oft laut lachen. Zudem kommt selbst eine PS5 Pro ständig ausser Atem. Selbst die angepeilten 30 FPS werden nur selten gehalten.

Auch beim Sound Design gibt es Patzer. Musik faded unpassend aus, Sound Effekte werden verschluckt, der repetitive Soundtrack nervt. Dabei wären akustische Hinweise spielerisch extrem wichtig, weil sie Gefahren ankündigen und Stealth überhaupt erst möglich machen. Dass die Dialoge oft belustigend sind und die Sprecher nicht überzeugen, ist noch das kleinste Problem.
Fazit:
Auf den ersten Blick scheint The 9th Charnel ein stimmungsstarker Indie Survival Horror zu sein, wäre da nicht die horrende KI und schwerwiegende technische Mängel. Ich war auf jeden Fall ziemlich schnell frustriert und verlor jeglichen Wunsch, dem Spiel auch nur eine weitere Minute meiner kostbaren Zeit zu schenken. Bekannte Klischees, einfallslose Rätsel und absolut lächerliche Charaktere mit lustlosen Dialogen bremsen das Spiel weiter aus. Dabei wüsste es von der Stimmung her genau, welche Knöpfe beim Spieler gedrückt werden müssen. The 9th Charnel ist eines dieser typischen Indie-Projekte mit Ambition und guter Atmosphäre, das leider von viel zu vielen Ecken und Kanten zerschossen wird, die man hätte glattpolieren sollen.

The 9th Charnel ist für PC, PS5 und Xbox Series erhältlich. Wir haben das Spiel auf der PS5 Pro getestet. Das Test-Muster stammt von Soedesco, wofür wir uns herzlich bedanken.







