The(G)net Review: Twin Mirror

Auf Twin Mirror haben wir gute zwei Jahre gewartet; und uns darauf gefreut. Freundlicherweise haben wir ein Spiel zu Testzwecken von Dontnod erhalten. Die haben das Geschichte-Erzählen raus und wickeln immer mal wieder ein nettes Spiel drum herum. Zum ersten Mal ist der Hauptcharakter kein Teenie und das Serien-Format wurde auch nicht aufgegriffen.



Zugegeben: Ich bin ein Freund dieser Story getriebenen Spiele; die dann eigentlich gar nicht so viel Gameplay beinhalten. Dontnod Titel überzeugten in der Vergangenheit durch packende Atmosphäre und interessante, teilweise delikate Themen. Sympathische Charaktere und gefühlvolle, zwischenmenschliche Interaktionen gibt's auch hier haufenweise.



Mit Twin Mirror wagen sich die Franzosen an ein neues Setting; kaum Teenies im Spiel und Sam, unser Protagonist, ist schon in den Dreissigern. Zudem hat der gute Mann keine übernatürlichen Fähigkeiten, dafür aber eine zerrissene Persönlichkeit. Einmal mehr möchte ich nicht zu viel über die Story verraten, denn letztendlich ist es jene, welche die gut sechs Stunden Spielspass zusammenhalten. Nur so viel: Sam kehrt zurück in seine Heimatstadt Basswood, ein verschlafenes Berg-Örtchen in West-Virginia. Als der gute Mann vor zwei Jahren das Kaff hinter sich liess, hat er allerdings nicht nur Freunde zurückgelassen. In den folgenden Stunden geht es (doch noch) um Teenager-Probleme, Medikamente-Missbrauch, Arbeitslosigkeit und zerrissene Persönlichkeiten. Bis auf letzteres werden die Themen aber nur oberflächlich angeschnitten und gehen kaum in die Tiefe. Genau wie die porträtierten Charaktere, die wir in Basswood antreffen.



Samuel ist ein analytischer, logischer Typ. Wenn es ihm mal zu viel wird, flüchtet er in seine aufgeräumte Gedankenwelt und ordnet so die Geschehnisse in seinem Kopf. Zusätzlich beratet sein zweites Ich ständig über empathische Entscheidungsfindungen. Ob wir auf ihn hören, bleibt uns überlassen. So ist die etwas gespaltene Persönlichkeit unseres nicht über-sympathischen Charakters das Hauptthema des Spiels. In den gut sechs Stunden überdenken wir seine Handlungen aus der Vergangenheit und schliessen vielleicht sogar Frieden damit; oder auch nicht. Wie gewohnt wartet nicht nur ein mögliches Ende auf den Spieler.



Das Gameplay ist allerdings wirklich sehr bescheiden. Sam läuft etwas träge durch die Gegend. Dass wichtige Gegenstände und Interaktionen nicht hervorgehoben werden, zumindest optional, empfinde ich als enttäuschend. Insbesondere aufgrund des notwendigen, korrekten Blickwinkels der Kamera, um mit unserer Umwelt interagieren zu können. Ein Beispiel: Wir sehen eine Karte und können jene Betrachten. Eine weitere Interaktion ist allerdings erst möglich, wenn die Kamera eine Nuance angepasst wird. Das wird etwas Fummelig. Immerhin zeigt das Spiel an, dass noch Fundstücke fehlen, um den Tathergang rekonstruieren zu können. Denn das ist es, was Samuel gerne tut; Tathergänge rekonstruieren. Fehler werden allerdings nicht bestraft, man versucht es einfach so lange, bis es dann passt und in Folge weitergeht.



Zu guter Letzt empfand ich das Ende als etwas an den Haaren herbeigezogen. Gefühlt fehlt dem Spiel die eine oder andere Stunde, wo wir mehr über die Bewohner Basswoods in Erfahrung bringen könnten. Denn hier zeigt Twin Mirror seine Stärken: Die Kleinstadt Atmosphäre mit deren Bewohner wurde glänzend eingefangen und sind der Hauptgrund, weswegen ich mich gerne durch den trägen Spielablauf bewegt hab. Grafisch darf man übrigens keine Höchstleistungen erwarten, dafür überzeugen die (englischen) Sprecher auf ganzer Linie. Den Wiederspielwert schätze ich als gering ein, dank freier Kapitelwahl nach dem Durchspielen, können aber einmal getroffenen Entscheidungen schnell geändert werden.



Fazit:

Twin Mirror ist unterhaltsam, aber man spürt ständig, dass so viel mehr möglich gewesen wäre. Egal in welchem Themen-Bereich, das Spiel kratzt jeweils nur an den Oberflächen. Die (wenigen) Rätsel sind super simpel, aber fast das Beste am "Spiel". Letztendlich ist auch die Reise nach Basswood ein Videospiel mit viel Fokus auf Story; und dafür wurde nicht genügend Spielzeit zur Verfügung gestellt. Fans des Genres werden dank der erstklassig eingefangenen Atmosphäre und der sehr guten Sprecher dennoch passabel unterhalten.



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