The(G)net Review: HALO Infinite - Kampagne

Ich erinnere mich noch gut an den legendären Moment, als ich 2001 zum ersten Mal Fuss auf einen Halo-Ring setzte. Sowas vergisst du einfach nicht. Es war ein prägender Zeitpunkt, der meine Liebe zum Master Chief und die Marke Xbox entfachte. 20 Jahre später überkommt mich beim Spielen von Halo Infinite ein ähnliches Gefühl und das, obwohl das neueste Abenteuer eigentlich so gar nicht wie ein herkömmliches «Halo» daherkommt.


Halo Infinite Campaign Test Review Kampagne Story Xbox Series
Welcome back Chief. Es ist wieder mal Zeit, die Menschheit zu retten!

Drei Jahre nach den Ereignissen von Halo 5: Guardians entdeckt ein namenloser Pilot nahe des Zeta Halos den im All schwebenden, eingefrorenen Körper des Master Chiefs. Was ist geschehen? Die beschädigte, ringförmige Planetenstruktur war wohl Schauplatz einer gewaltigen Schlacht zwischen den UNSC-Streitkräften und den "Verbannten", einer kriegstreiberischen Alien Fraktion. Der Chief wird kurzerhand an Bord geholt und aufgepeppelt. Kurzer System-Check und dann kann es auch schon losgehen!


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Was uns wohl alles auf diesem Himmelskörper erwartet?

Die ersten 60 Minuten offenbaren nichts Neues. Kaum aus dem ungewollten Tiefschlaf erwacht, kämpfe ich mich mit altbekannter Bewaffnung durch ebenso altbekannte, metallisch glänzende Schlauchlevels, amüsiere mich über die lustigen, quiekenden Sprachfetzen der kleinen Grunts, boxe schildtragende Scharfschützen in die Tiefe und werfe blau leuchtende Haftgranaten in Richtung der kräftigen Brutes und Elites, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Nachdem ich mir die neue Helfer-AI, die meiner geliebten Cortana ziemlich ähnlichsieht, in den Helm geladen und den ersten Boss-Kampf erfolgreich überstanden habe betrete ich einen Lift, der mich an die Oberfläche des Rings befördert. Das Tutorial-Level ist hiermit beendet. Soweit, so gewohnt.


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Gleich zu Beginn wird klar: Mit den Verbannten ist nicht zu spassen!

Oben angekommen öffnet sich langsam das grosse Schleusen-Tor und da ist er plötzlich, dieser magische Halo-Moment. Wow, was für eine Aussicht! Mein Blick schweift über die weitläufige, wunderschöne Landschaft. Steile, felsige Berge werden von saftig-grünen Wäldern umgeben und überall deuten herumliegende, riesige Schrottteile eines naheliegenden, ausgebrannten USNC Schlachtschiffs auf die Niederlage hin, die die Menschheit im Kampf gegen die übermächtigen Verbannten einstecken musste. Bereits da wusste ich, dass mich hier etwas Grossartiges erwartet.


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Die hübsche Flora und Fauna auf dem Zeta Halo Ring lädt zum Verweilen ein

Und plötzlich fühlt sich Halo Infinite wie ein neues Spiel an. Der Zeta-Halo Ring ist eine Open World, die in ihrer Struktur entfernt an Spiele wie Far Cry erinnert. Zu Beginn folgt man zwar lediglich einem einzigen Wegpunkt, aber schon bald beginnt die grosse Freiheit. Überall poppen Icons auf, die mich von meiner eigentlichen Mission abhalten. Oha, es gibt hier viel zu tun: Militärbasen einnehmen, Propaganda-Türme zerstören, verschollene USNC-Trupps suchen, Anlagen sabotieren, gefährliche VIPs eliminieren und nach allerlei Collectables Ausschau halten, wie z.B. Audio-Logs oder die wichtigen Spartan-Cores (Upgrade-Punkte für eine Vielzahl von Funktionen des Mjolnir Anzugs).


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Die grosse Open-World hält viele Aufgaben und Sammelkram bereit

Jede dieser Aktivitäten erhöht meinen «Valor» Status. Diese Tapferkeits- oder «Helden-Punkte» schalten neue Vehikel, Waffen, Trupp-Upgrades (stärkere Marines) und Skins in meinen Operations-Basen frei. Habe ich eine neue FOB (Forward Operating Base) erobert, werden umliegende Nebenmissionen und Sammelbares aufgedeckt. Ab dann darf ich zudem das Fast-Travel Netzwerk zwischen den Stationen nutzen, den Chief für anstehende Aufträgen neu ausrüsten, Fahr- und Flugzeuge anfordern oder einen spezialisierten KI-Trupp auswählen, der mich kurzzeitig tatkräftig unterstützt. Je mehr Basen man erobert, desto lebendiger wird die Spiele-Welt, die nach und nach von UNSC Truppen bevölkert wird.


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Bei Borderlands abgekuckt: Spawn-Stationen für Vehikel

Die Welt von Halo Infinite ist nicht von Anfang an komplett offen. Die Gebiete werden durch grosse Schluchten getrennt, die der grüne Spartaner selbst mit seiner neuen Grappleshot nicht so einfach überwinden kann. Die ersten Stunden machen deutlich, wie wichtig dieser neue "Enterhaken" ist. Mit ihm kann der Chief Feinde betäuben oder auf sie zurasen, hohe Felsvorsprünge erreichen oder sich über Abgründe ziehen. Sogar Waffen lassen sich damit direkt aus den Händen der Gegner reissen - entsprechende Upgrades vorausgesetzt. Beim Erkunden ist das Ding ebenso nützlich. Halo war bisher ein eher horizontales Erlebnis. Die Grappleshot ist zwar das einzige, wirklich neue Gameplay-Element, aber die Möglichkeit, sich wie Spider-Man flink von Baum zu Baum zu schwingen oder über einen Felsvorsprung vom Himmel herab auf Feinde zu stürzen, ist ein wahrhaft vertikales und neuartiges Spielgefühl. Kenner wissen, schon der Doom-Slayer hatte seine Freude dran!


Tote Spartaner!? Der Gegner scheint übermächtig und brutal!

Der Zeta-Halo setzt sich aus einer Art schwebender Insel-Gruppe zusammen. Während die Nebenmissionen innerhalb eines Gebietes stets frei wählbar sind, werden Story-Missionen chronologisch freigeschaltet. Einige dieser Story-Quests befinden sich in Teilen der Karte, die man nicht erreichen kann, bis andere Story-Missionen erledigt sind. So werden die Bereiche wie an einem roten Faden nach und nach geöffnet und die Geschichte kann sich linear entfalten.


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Die Bauten in Halo Infinite sorgen regelmässig für Staunen

Ein seichtes RPG Level-System, die Open-World und Grappleshot, das ist alles Neuland für Entwickler 343 Industries und für die Halo-Serie als solches. Glücklicherweise besteht man diese Feuerprobe mit Bravour und auch wenn ich mich – wie anfangs erwähnt – immer wieder an Far Cry erinnert fühlte, blieb die geliebte Halo-DNA erhalten. Im Gegensatz zu Ubisoft Spielen, wo zu viele Icons und Aufgaben oft zur Optionslähmung führen, gibt es in Halo Infinite genau die richtige Menge davon. Wann immer auch nur annähernd das Gefühl der Langeweile aufkommt, bleibt eigentlich nur noch die nächste Kampagnenmission zu erledigen. Die sind durchwegs fantastisch inszeniert und führen immer an neue, atemberaubende Orte. Die Entwickler haben in Sachen Storytelling, Tempo, Aufgabenstellung und Kartengrösse eine perfekte Balance gefunden.


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Feine Texturen: Schweiss, Bartstoppeln, Blessuren und selbst feine Äderchen am Ohr

Technisch gibt es an Halo Infinite kaum etwas auszusetzen. Noch vor einem Jahr hatte ich Bedenken. Die zusätzliche Entwicklungszeit hat sich in diesem Fall aber wirklich ausgezahlt. So freue ich mich über die sauber animierten Gesichter mit filigranen Lippenbewegungen, eine riesen Weitsicht mit monumentalen Bauten und Set-Pieces, flashige Grafik-Effekte, knackscharfe Texturen (siehe Bild oben), und bis auf ein paar Ausnahmen eine stabile Framerate. Selbst im Qualitäts-Modus werden auf der Series X 60 Bilder pro Sekunde erreicht. Der Performance Modus bietet gar 120fps. Cut-Scenes sind zuweilen zwar etwas ruckelig, wobei ich nicht weiss, ob es an meiner frühen Testversion liegt, oder dass im Hintergrund Daten nachgeladen werden. Die Action wird auch ab und zu von Ladescreens unterbrochen, dank pfeilschneller SSD fällt das aber kaum ins Gewicht.


Und dann ist da noch die tolle Akkustik. Der Soundtrack ist aller erste Güte. Schon beim Startscreen hatte ich Hühnerhaut. Auch der binaurale 3D-Effekt, der selbst mit einfachen Stereo-Kopfhörern hervorragend zur Geltung kommt, hat mich positiv überrascht. The cherry on top ist das ausschweifende Optionsmenü, das mit FOV-, UI-, Accessibility- und vielen Effekt-Reglern wirklich jeden Nörgler zufrieden stellen wird.


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Sammelt Spartan-Cores um euren Anzug mit diversen Upgrades aufzurüsten

Wenn ich an Halo Infinite etwas bemängeln würde, dann wohl zwei Dinge. Zum einen die fehlende Zerstörung. Bäume, Gebäude und anderes Level-Inventar sind statisch und bis auf wenige Ausnahmen starr und unbeweglich. Das ist irgendwie nicht zeitgemäss und nagt an der Glaubwürdigkeit der hübschen Spielewelt. Zum anderen habe ich die KI früherer Halos besser in Erinnerung. Hier werden Gegner meist nur durch ihre Masse, Widerstandsfähigkeit oder Feuerkraft zum Problem, als durch ihr taktisches Fingerspitzengefühl. Wohlgemerkt, wirklich dumm ist die KI nicht. Sie kämpft aber regelmässig mit Aussetzern.



Fazit:

Jeder, der den 218cm grossen Spartaner kennt weiss, dass er nicht viele Worte verliert. Im Geiste von John-117 versuche ich mich kurz zu fassen, auch wenn es mir schwer fällt. Mit Halo Infinite haben 343 Industries ihr bisher bestes Halo-Spiel abgeliefert! Ein Knaller, der von Anfang bis Ende einfach nur begeistert. Ja, das mag übertrieben klingen, aber wenn ich auf die langweilige und uninspirierte Kampagne von Halo 5: Guardians zurück blicke wird klar, dass sich die dunkle Wolke, die seit vielen Jahren über dem Entwickler schwebte und die Halo-Community weltweit spaltete, endlich in Luft aufgelöst hat. Die zusätzliche Entwicklungszeit wurde hervorragend genutzt, das Warten hat sich in diesem Fall wirklich gelohnt. Langeweile durch Repetition oder einer Unmenge an immer gleichen Aufgaben gibt es in dieser Open World nicht. Mit der Grappleshot und dem seichten RPG-Level System halten zwei Neuerungen Einzug, die aus Halo Infinite eine frische und motivierende Angelegenheit machen. Und trotz den Änderungen und der neu gefundenen Freiheit bleibt die Halo DNA erhalten, die wir seit Combat Evolved kennen und lieben gelernt haben. Ein echter Spagat, der nur wenigen Entwicklern so hervorragend gelingt. Schade nur, dass der Online KoOp-Modus erst im Sommer 2022 erscheint, sonst wäre das Gesamtpaket nahezu perfekt gewesen.



Wir haben Halo Infinite auf einer Xbox Series X getestet. Das Spiel gibt's nur für Xbox Konsolen und den PC und ist ab Release am 8. Dezember 2021 im Xbox Game Pass enthalten - oder als Retail-Disk zu haben. Das frühe Test-Muster stammt von Microsoft, wofür wir uns herzlich bedanken!


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