The(G)net Review: NieR Replicant ver.1.22474487139...

NieR Automata galt 2019 als Überraschungshit, gefolgt von einer treuen, wachsenden Fangemeinde. Den Vorgänger, ein obskurer Nischentitel, hatte beim Release jedoch kaum einer auf dem Schirm. Also hat Square diese alte Kamelle aus der Software Rente geholt und einer Frischzellenkur unterzogen.



NieR Replicant beginnt, als ob Automata nie aufgehört hätte. Das Geschwisterpaar NieR und Yonah versteckt sich in einer postapokalyptischen Ruine vor schattenhaften Unwesen. Übermüdet stossen sie in dem heruntergekommenen Gebäude auf ein magisches Buch namens Grimoire Weiss. Der zynisch-mystische Einband übernimmt im Laufe des Spieles nicht eine tragenden Rolle, sondern kommentiert bei jeder erdenklichen Möglichkeit im herablassenden Ton die aktuelle Lage. Kaum hat sich NieR mit dem Buch angefreundet, gibt's auch schon Rabatz. Die schemenhaften Feinde blasen zum Angriff. In bester DMC-Manier schnetzelt ihr das anrückende Schattengesindel in ihre Einzelteile, hechtet wie Oliver Kahn durch die Gegend und überspringt elegant per Doppelsprung ein halbes Dutzend Feinde.



Kurioserweise wird NieR quasi im Sekundentakt aufgelevelt, bis wir nach gefühlten 3 Minuten schon das Max-Level erreicht haben und fortan dank Unterstützung des magischen Buches die Feinde entweder per Phantom Faust in den Boden rammen, Magie Pfeile verschiessen oder mit Feuerbällen im Turbomodus den Spitzbuben Zunder unter dem Hintern machen. Die Ballerei artet so teilweise in ein Shoot-em Up aus. Square kreiert hier quasi gleich ein neues Subgenre - den sogenannten "Shmetzler". Zufrieden mit dem überpowerten Charakter stürzen wir uns gleich ins Getümmel. Das actionreiche Spektakel wird aber bald jäh per Cut-Scene unterbrochen. Plötzlich finden wir uns 1200 Jahre später in einer abwechslungsreichen Fantasywelt wieder, als hätten Hyrule & Ico ein Kind gezeugt.



Was bis hierher ziemlich verwirrend klingt, hat in NieR Replicant Methode. Unbekümmert werden hier Genres gemischt und gewechselt, als wäre es Unterwäsche. Eben noch im Slasher-Genre unterwegs, erledige ich im nächsten Moment Fetch-Quests wie in einem JRPG, um nur ein paar Minuten später eine kurze Plattformsequenz abzufrühstücken, bevor ich ein paar Kisten umpositionieren muss, als wär's Sokoban. Später wird einem klar, NieR ist ein unkonventionelles Action Adventure, dessen Wurzeln klar im JRPG-Sektor liegen. Ihr levelt auf, sammelt Items und Waffen, quatsch mit NPCs, ackert euch durch diverse Side Missions und fegt regelmässig auftauchende Widersacher vom Bildschirm, bevor der obligatorische Levelboss seinen Hintern hochkriegt.



In NieR Replicant ver.1.22474487139... werden aber nicht nur Genres wild durcheinandergewürfelt, sondern auch die Kameraansichten. So betrete ich ein Schloss in 3D und wechsle umgehend in die Vogelperspektive, säble dann wie Link in den besten Jahren reihenweise die Schattenunholde vom Schlachtfeld, um kurz anschliessend wieder in der 3rd Person-Sicht oder in gar in 2D unterwegs zu sein.



Nach 20 Stunden hat man NieR Replicant dann geschafft, wer aber alle Enden und Plots freischalten will, benötigt insgesamt 4 komplette Durchläufe. Kleine historische Bemerkung am Rande: Vom Original NieR existieren 2 unterschiedliche Varianten. Für NieR Replicant ver.1.22474487139... wurde die japanischen Version vom Erstling gewählt, in dem die Hauptcharaktere jugendliche Züge aufweisen, während die internationale Version des Originals (NieR Gestalt) unsere Protagonisten als Erwachsene zeigten.



Fazit:

Ehrlich gesagt, als NieR 2011 erschien, nahm ich zwar Notiz vom Release, aber das Spiel interessierte mich nur peripher. Und ja, ich würde sagen zurecht. NieR Replicant ver.1.22474487139... fängt ganz gross an! Als wäre ich Dante Jr., kämpfe ich mich mit Ach und Krach durch die Arena, wundere mich über den rasanten Levelaufstieg und lache mich beinahe schlapp, als aus dem Metzler wie schon erwähnt ein "Shmetzler" wird. Leider ist die Freude nur von kurzer Dauer. Zwar begrüsse ich den harten Cut ins JRPG-Action Adventure, aber dann bitte mit ein bisschen mehr Wumms. Denn nach dem "Intro" ist die Luft ziemlich schnell raus. Die Oberwelt ist fantastisch, die NPCs zahlreich und immer wieder stosse ich auf kreative Levelabschnitte oder unerwartete Wendungen. Doch das ganze wird mehrheitlich Geprägt von langweiligen Aufgaben wie "Sammle 3 von Item X und bringe es zum Händler" (oder dem alten Mann oder der Leuchtturmfrau). Das mag 2011 vielleicht der heisse Scheiss gewesen sein, aber mit solch archaischen Spielelementen lockt man heutzutage nicht mal den müdesten Hund hinter dem Ofen hervor. Nicht nur gefühlt jogge ich über die Hälfte des Spieles von A nach B, haue uninspiriert ein paar Gegner platt und konzentriere mich konstant auf das rote X auf der Minimap, um möglichst schnell aus dieser Sidemissionhölle abzuhauen. Nicht mal das Kampfsystem holt mich ab, obwohl NieR einer der gelenkigsten Säbelschwinger seit Dante ist. Lahme Gegner, wenn sie mal auftauchen, erfordern keinerlei Skills. Warum taktisch metzeln, wenn ich mit unlimitierten Feuerbällen gefahrlos meine Kontrahenten rösten kann. Ich hab ja absolut nichts dagegen, wenn man die Genres wild durch würfelt, aber dann bitte auch darauf achten, dass vor lauter Jongliererei nicht der Spielspass zu kurz kommt. NieR Replicant ver.1.22474487139... mag für Fans der NieR-Lore interessant sein, actionorientierte Zocker und Neulinge halten sich aber besser an NieR: Automata.




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