The(G)net Review: Pentiment

Obsidian Entertainment ist bekannt für riesige Rollenspiele mit loyalen Fans. Fallout: New Vegas oder Pillars of Eternity sind Hardcore-RPGs die bei Anhängern und Kritikern äusserst beliebt sind. Mit Grounded haben sie ihre Wurzeln zurückgelassen und ein ebenfalls erfolgreiches Survival-Game lanciert. Das neueste Spiel Pentiment sieht auf den ersten Blick wie ein noch grösserer Genrewechsel aus. Wir haben viel Zeit auf der Series X in Bayern verbracht und waren mehr als positiv überrascht!


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Auch wenn Pentiment von Obsidian stammt, wurde es dort nur von einem kleineren Team mit weniger als 20 Leuten entwickelt. Im Mittelpunkt steht Andreas Maler, ein, nun Maler, den es in das kleine bayrische Dorf Tassing im frühen 15. Jahrhundert verschlagen hat. In der dortigen Abtei arbeitet er an seinem Meisterstück, mit dem er nach Hause nach Nürnberg zurückkehren kann, um dann zu heiraten und dort als Meister zu arbeiten.


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Da die Geschichte das Hauptaugenmerk ist, werden wir nicht allzu sehr in die Details gehen, um mögliche Spoiler zu vermeiden. Deshalb nehmen wir nur den Anfang als Beispiel, wobei Pentiment mehrere Dekaden und mehrere Endings umfasst. Obwohl Andreas nur zur Arbeit in der Abtei Kiersau ist, findet er genau dort noch eine andere Berufung. In den geheiligten Hallen wird jemand ermordet und die Tat wird dem alten Bruder Piero zugeschrieben. Er ist für Andreas eine Art Mentor und Meister Maler hält ihn für unschuldig. Für alle anderen ist der Fall klar. Es liegt an Andreas die Wahrheit herauszufinden, bevor der Erzdiakon eintrifft und das letzte Urteil spricht. Es gibt viele Geschichten und Spuren, denen er im kleinen Dorf nachgehen kann und nur wenig Zeit, bis definitiv jemand exekutiert wird.


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Das Hauptmysterium um den Mord und wer ihn begangen hat, ist super spannend. Die Antworten, die man sucht, sind nicht offensichtlich und selbst wenn man sie findet, werfen sie in der Regel nur noch mehr Fragen auf. Neben diesen Ereignissen wird man in viele weitere Diskussionen und Debatten zu heiklen und düsteren Themen hineingezogen. Es geht zum Beispiel um die Rechte, oder deren Absenz, der Frau während dieser Periode. Man trifft auf eine Witwe, die auf dem Land ihres verstorbenen Ehemannes lebt. Dieses Land wird an die Kirche und nicht an sie weitergehen, da das Paar nie einen Erben hatte, an den es hätte gehen können. Andere Themen wie Homosexualität unter Ordensbrüdern, der Unterschied der Auslegung des Gesetztes zwischen Arm und Reich sowie Geldsorgen bei den Bauern wegen Steuerabgaben, werden alle mit viel Sorgfalt behandelt. Ich bin nicht einmal annähernd so etwas wie ein Spezialist, was die dargestellte Epoche angeht, aber die Themen scheinen alle mit viel Authentizität präsentiert zu werden.


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Das ist auch wichtig, denn für 90% der Spielzeit ist man in Gespräche verwickelt oder auf der Suche nach dem nächsten Gesprächspartner. Diese Unterhaltungen fühlen sich echt und natürlich an. Spricht man mit Kindern, kommen sie mit einer süssen Naivität rüber. Der Schmerz der Bauern wirkt nicht aufgesetzt oder dass er so geschrieben wurde, um auf die Tränendrüsen zu drücken. Das Dorf Tassing ist klein und genauso schnell wie man die kürzesten Laufwege lernt, lernt man auch die Bewohner kennen. Nicht nur ihre Geheimnisse und was sie zum Plot des Games beitragen, sondern wer sie sind. Ihre Probleme im alltäglichen Leben und was sie glücklich macht.


Die Gespräche fühlen sich flüssig an, weil man nicht jeden Dialogpunkt wie auf einer Liste abhaken kann. Entscheidet man sich für eine Aussage oder Antwort, dann gilt diese und das Gespräch nimmt seinen Lauf. Das kann schnell dazu führen, dass eine Person nicht mehr mit einem sprechen will, wenn man in zu viele oder zu tiefe Fettnäpfchen tritt. Die Bemerkung “Dies wird in Erinnerung bleiben” sorgt dafür, dass man achtsam ist, wie man mit welcher Art von Mensch spricht. Hier gibt es auch noch einige kleine Rollenspiel Elemente zu finden. Zu Beginn des Spiels wählt man den Hintergrund von Andreas aus. Unter anderem hat man die Wahl an welchen Orten er die letzten Jahre verbracht oder was er einmal an der Universität studiert hat, wodurch er z.B. verschiedene Sprachen kann oder über Geschehnisse in bestimmten Städten Bescheid weiss. Erneut fühlt es sich nicht forciert an. Es ist eine Repräsentation von Andreas Maler, wie es die Person hinter dem Controller will.


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Gut eingefügt ist der Glossar, welcher besonders in Gesprächen sehr praktisch sein kann. Egal ob es ein theologischer Begriff, der Name einer Person oder ein Ort irgendwo auf der Welt ist, das Spiel markiert diese Worte in den Sprechblasen und per Tastendruck kann man sich weitere Informationen dazu abrufen. Das Tagebuch von Andreas dient als Questlog, wo der Künstler seine Gedanken niederschreibt. Ein weiteres Element, das sich nicht "videospielig" anfühlt und gut in das Geschehen passt, wofür auch kleine Zeichnungen an den Rändern sorgen.


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Es ist von der ersten Szene an klar, dass Pentiment ein Liebesbrief ist. Ein Liebesbrief an die Kunst. Ein Liebesbrief an eine vergangene Zeit. Ein Liebesbrief an das interaktive Storytelling. Trotz all dieser Lobhudelei muss gesagt werden, dass Pentiment wohl nur für ein ganz bestimmtes Publikum ist. Als Teil des Gamepasses wird das Publikum grösser werden als die kleine Nische, für die es offensichtlich gemacht ist, was aber nichts an der Grösse des eigentlichen Zielpublikums ändert.


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Optisch ist jeder Screen ein Kunstwerk für sich. Die Grafik erinnert an Bilder und Holzstiche aus der Zeit, in der das Spiel spielt. Beispielsweise sehen Tiere wie Schweine oder Katzen nicht wirklich so aus, wie wir sie heutzutage zeichnen würden, aber zu diesem Abschnitt unserer Geschichte passt es. Alleine die Sprechblasen haben zeitgemässe Schriftarten. Nicht nur das, denn die Schriftart ist angepasst auf die Stellung der Person. Ein Bauer und ein Mann Gottes stehen sozial ganz anders da, was unter Anderem durch die Schriftart ausgedrückt wird. Die fehlende Sprachausgabe wird dadurch fast schon kompensiert, denn dieser kleine Trick symbolisiert die andere Art des Sprechens ganz fantastisch. Es ist dieses Auge für Details und diese Liebe für kaum offensichtliche Elemente, die Pentiment vom Rest des Genres abhebt, im negativen und im positiven Sinn.



Fazit:

Pentiment ist nicht nur ein Nischenspiel, sondern ein Nischenspiel einer noch kleineren Nische. Das ist auch gut so, denn so kann und darf es so sein, wie es sich die Entwickler vorgestellt haben. Es gibt keine Kompromisse, um mehr Action oder anderes Gameplay einzufügen. Das, was Pentiment macht, macht es meisterhaft. Wer sich auf diese Art von Spiel einlassen kann, wird damit eine extrem unterhaltsame Zeit haben. Wer Interesse an der Geschichte eines ganz bestimmten Teils der Welt, zu einer ganz bestimmten Zeit hat, wird das Spiel wie ein gutes Buch verschlingen.



Wir haben Pentiment auf einer Xbox Series X gespielt. Das Spiel ist auch für PC erhältlich. Das frühe Test-Muster stammt von Microsoft, wofür wir uns herzlich bedanken!


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