Underrated: Sleeping Dogs
- Sascha Böhme

- 16. März
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. März
In unserer Rubrik «Underrated» (dt. unterschätzt) werfen unsere Redakteure jeweils einen Blick auf ein älteres Spiel, dass in den Augen des Verfassers rückblickend völlig unterschätzt wurde. Tolle Spiele, denen eine Top-Wertung oder kommerzieller Erfolg nicht zuteil wurde, obwohl sie es aus heutiger Sicht verdient hätten. Diesmal: Sleeping Dogs. Hongkong Actionkino zum Selberspielen, das nie ganz die verdiente Bühne bekam.

Es gibt Open World Spiele, die sich wie ein Themenpark anfühlen. Gross, laut, überladen mit Symbolen und Checklisten. Und dann gibt es Sleeping Dogs, das sich eher wie ein später John Woo Film spielt, in dem man plötzlich selbst Teil der Inszenierung ist. Neonlichter spiegeln sich im nassen Asphalt, Marktstände dampfen, enge Gassen verschlucken jedes Fluchtfahrzeug, und mittendrin ein Undercover Cop, der langsam vergisst, wo seine Loyalität liegt. Spieler waren angetan. Trotzdem blieb dem Titel der grosse kommerzielle Durchbruch verwehrt. Warum?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zurückblicken. Die Entstehungsgeschichte von Sleeping Dogs liest sich selbst wie ein Krimi. United Front Games arbeitete mehrere Jahre an dem Spiel unter dem Namen True Crime: Hongkong, bis Activision das Projekt 2011 stoppte. Offiziell wurden Qualität, Budgetprobleme und das Risiko im stark umkämpften Open World Markt genannt. Für das Team bedeutete das beinahe das Aus. Die Rettung kam durch Square Enix, die das Projekt übernahmen, neu positionierten und schliesslich unter neuem Namen veröffentlichten. Diese zweite Chance war Segen und Bürde zugleich. Einerseits konnte das Spiel überhaupt erscheinen, andererseits musste es ohne etablierte Marke und mit verkürzter Marketing Vorlaufzeit antreten.

Sleeping Dogs war kein Flop, aber es blieb unter den Erwartungen des Publishers. Square Enix kommunizierte nach dem Release offen, dass sich das Spiel trotz relativ guter Wertungen nicht in dem erhofften Umfang verkauft hatte. Rund 1,75 Millionen Einheiten wären für viele Studios ein respektables Resultat gewesen, reichten Square Enix aber nicht aus, um die Marke als zukünftige Blockbuster Serie zu etablieren. Hinzu kam der ständige Vergleich mit Grand Theft Auto. Obwohl Sleeping Dogs in Ton, Fokus und Spielmechanik bewusst andere Wege ging, wurde es von vielen Spielern und Medien reflexartig als GTA Klon wahrgenommen.

In einem Genre, das stark von Erwartungshaltungen geprägt ist, wurde das Spiel so oft an etwas gemessen, das es nie sein wollte. GTA IV war zu diesem Zeitpunkt noch sehr präsent. Der Titel erschien 2008, bekam bis 2010 grosse Story Erweiterungen und setzte für viele Spieler weiterhin den Massstab. In diesem Umfeld wirkte Sleeping Dogs für viele wie eine lächerliche Kopie, obwohl es inhaltlich und spielerisch eine ganz andere Richtung einschlug. Nicht zuletzt spielte auch das damalige Publisher Umfeld eine Rolle. Square Enix hatte in dieser Phase mehrere westliche Produktionen, die intern als "unter Erwartung" kommuniziert wurden. Diese öffentliche Wahrnehmung färbte auf Sleeping Dogs ab und zementierte früh das Image eines Spiels, das angeblich hinter seinen Möglichkeiten zurückblieb.

Wer Sleeping Dogs als simplen GTA Klon abtut, übersieht sein grösstes Alleinstellungsmerkmal: das Nahkampfsystem. Held Wei Shen überlebt nicht, weil er wie in GTA das grösste Waffen-Arsenal mit sich rumschleppt, sondern weil er selbst eine Waffe ist. Die Fights sind das Herzstück und fühlen sich wie choreografierte Hongkong Actionfilme an. Schnelle Schlagfolgen, präzise Konterfenster und ein klarer Fokus auf Timing und Positionierung bestimmen das Geschehen. Button Mashing wird schnell bestraft. Stattdessen geht es darum, Gegner zu lesen, Angriffe zu antizipieren und den Rhythmus zu kontrollieren.

Besonders prägend sind die Umgebungsaktionen. Die Spielwelt ist nicht nur Kulisse, sondern ein interaktiver Teil des Kampfsystems. Türen, Geländer, Autos, diverse Werkmaschinen, Telefonzellen und Verkaufsstände werden zu Werkzeugen. Jede Auseinandersetzung fühlt sich dadurch anders an und erzeugt genau jene cineastischen Momente, die dem Spiel seinen unverwechselbaren Charakter verleihen. Bis heute hat es höchstens die Batman Arkham Reihe geschafft, etwas vergleichbares zu bieten. Mechanisch unterstützt wird das Ganze durch Wei Shens Doppelrolle als Cop und Triaden Mitglied. Diese innere Zerrissenheit spiegelt sich subtil im Gameplay und verleiht vielen Missionen eine zusätzliche emotionale Schwere, die über reine Action hinausgeht.

Auch die DLC Zusatz-Inhalte konnten sich sehen lassen. Besonders "Nightmare in North Point" schlug bewusst einen anderen Ton an und führte übernatürliche Elemente ein. Wei Shen sieht sich hier mit chinesischer Mythologie, Geistererscheinungen, Flüchen und dämonischen Gegnern konfrontiert, was dem ansonsten bodenständigen Crime Drama eine albtraumhafte Ebene verleiht. Statt realistischer Strassengewalt dominieren plötzlich Horror, mystische Rituale und groteske Kreaturen, die eher an einen Geisterfilm als an ein klassisches Open World Spiel erinnern.

Später folgte noch der Zusatzinhalt "The Zodiac Tournament", ein klarer Liebesbrief an klassische Hongkong Martial Arts Filme, insbesondere mit Bruce Lee, was den Fokus noch stärker auf 1 gegen 1 Kämpfe und Turnier Strukturen legte. Die beiden DLCs zeigten eindrucksvoll, wie flexibel und zeitlos das Kampfsystem von Sleeping Dogs war und wie mühelos es auch ausserhalb seines realistischen Rahmens funktionierte, ohne die Identität des Spiels zu verlieren.

Ursprünglich erschien Sleeping Dogs 2012 für PlayStation 3, Xbox 360 und PC. In den Folgejahren wurde das Spiel umfangreich verbessert. 2014 folgte die Sleeping Dogs: Definitive Edition für PlayStation 4, Xbox One und PC. Diese Version enthielt sämtliche DLCs, technische Verbesserungen, höhere Auflösung und kleinere Gameplay Anpassungen, die auf Community Feedback basierten. Leider erschien diese Fassung nur einen Monat vor GTA V, was die Verkäufe abermals ausbremste. Dennoch trug gerade die Definitive Edition wesentlich dazu bei, dass Sleeping Dogs über die Jahre eine zweite Welle an Aufmerksamkeit erhielt und langsam seinen Ruf als unterschätzter Klassiker festigte.

Rückblickend wirkt Sleeping Dogs wie ein Spiel, das zu viele Kämpfe gleichzeitig ausfechten musste. Gegen eine schwierige Entwicklung, gegen hohe Publisher Erwartungen, gegen GTA, dem dominanten Genre Schwergewicht und gegen ein Rebranding zur Unzeit. Und dennoch steht am Ende ein Open World Titel, der vieles besser macht als andere Genre-Vertreter. Hongkong ist ein unverbrauchtes Setting und ein Schauplatz mit viel eigener Identität. Die Geschichte ist persönlicher, ernster und geerdeter als bei vergleichbaren Spielen. Und das Kampfsystem ist bis heute eines der besten seiner Art im Open World Segment.
Wer heute zurückkehrt oder Sleeping Dogs zum ersten mal spielt merkt schnell, wie zeitlos diese Mischung aus Actionkino, Drama und spielerischer Konsequenz eigentlich ist. Es gibt nicht viele Spiele, die so gut gealtert sind wie Sleeping Dogs. Ich kann nur hoffen und beten, dass sich Square Enix bewusst ist, wieviel Potential in dieser Marke steckt und dass wir vielleicht doch noch irgendwann einen Nachfolger zu Gesicht bekommen.

Sleeping Dogs ist für PS3, PS4, PS5, Xbox 360, Xbox One, Xbox Series und PC via Steam sowie macOS erhältlich. Die Versionen für PlayStation 3 und Xbox 360 werden nicht mehr vertrieben. Wer das Spiel heute neu erleben möchte, greift idealerweise zur Definitive Edition, da sie sämtliche DLC Inhalte, technische Verbesserungen und somit die vollständigste Version des Spiels bietet.






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