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Underrated: The Callisto Protocol

In unserer Rubrik «Underrated» (dt. unterschätzt) werfen unsere Redakteure jeweils einen Blick auf ein älteres Spiel, dass in den Augen des Verfassers rückblickend völlig unterschätzt wurde. Tolle Spiele, denen eine Top-Wertung oder kommerzieller Erfolg nicht zuteil wurde, obwohl sie es aus heutiger Sicht verdient hätten.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Hochsicherheitsgefängnis Black Iron - Der Horror für alle Insassen

Es gibt Spiele, die scheitern nicht an dem, was sie sind, sondern an dem, was alle anderen in sie hineinprojizieren. The Callisto Protocol war so ein Fall. Ein futuristisches Horror Hochglanzprojekt mit Starbesetzung. Josh Duhamel trägt als Jacob Lee die Story, Karen Fukuhara bringt als Dani Nakamura diese Mischung aus Widerstand, Härte und verletzlicher Entschlossenheit rein, während Sam Witwer als Captain Leon Ferris den idealen Antagonisten zwischen Autorität und Wahnsinn spielt. Dazu kommen Zeke Alton als Elias Porter und James C. Mathis III als Warden Duncan Cole. Die Prominenz zeigt Glen Scofields Ambitionen. Und trotzdem wurde das Spiel damals von vielen Redaktionen abgekanzelt und abgestraft - auch von uns (siehe Testbericht).


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Staraufgebot: Josh Duhamel und Karen Fukuhara spielen die Hauptrollen in The Callisto Protocol

Das Drama beginnt lange vor dem ersten Gegnerkontakt. Glen Schofield, der Mann, dessen Name für viele untrennbar mit Dead Space verknüpft ist, wollte mit Callisto Protocol sein Magnum Opus erschaffen und hatte dies im Vorfeld auch so angekündigt. Und damit ist die Erwartungshaltung gesetzt, bevor überhaupt klar ist, was The Callisto Protocol sein will. In der Wahrnehmung war es nicht einfach ein neues Horrorspiel, sondern eine Rückkehr, eine Erlösung, eine Art "Jetzt zeigen wir es noch einmal allen" Moment. Und wenn man mit so einem Mythos in den Ring steigt, reicht ein "sehr gut" eben nicht mehr. Dann musst du das Genre neu definieren. Alles darunter fühlt sich wie Verrat an, selbst wenn es objektiv stark ist.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Inside Out: Das Gegner-Design ist ausgesprochen eklig

Dazu kommt das Marketing, das sich mit grossen Worten selbst die Fallhöhe betoniert hat. Dieses ganze Gerede von maximalem Anspruch, von "AAAA-Spiel" und "Premium Horror", von dem grossen neuen Standard. Das klingt nach Blockbuster, und Blockbuster werden nicht nach Herzblut bewertet, sondern nach Impact. Wenn dann ein Spiel zwar wuchtig inszeniert ist, aber nicht jeden Bereich mit derselben Meisterlichkeit abdeckt, kippt die Stimmung schnell von Begeisterung zu Enttäuschung. Nicht, weil es schlecht ist, sondern weil es nicht das versprochene Ereignis ist.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
"Shoot the Tentacles" - ein Dead Space Easter Egg

Und dann war da der katastrophale Launch. The Callisto Protocol lebt von Rhythmus, von Spannung, von dem feinen Takt zwischen Stille und Explosion. Wenn die Technik dazwischenfunkt, ist die Magie weg. Gerade auf PC war die schwache Performance zum Start für viele ein Thema, und in der Review Phase sind solche Dinge absolutes Gift. Es ist brutal simpel: Wenn das Bild stottert, stottern auch die Wertungen. Patches können zwar später retten, was zu retten ist, aber Wertungen entstehen nicht im Nachhinein, sondern in dieser hektischen ersten Woche, in der jeder Eindruck endgültig wirkt.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Starke Inszenierung: Die Welt ist dreckig, düster und glaubwürdig

Auch spielerisch hat The Callisto Protocol eine Entscheidung getroffen, die zwar mutig war, aber unbarmherzig polarisierte. Es setzt stark auf Nahkampf, auf Timing, auf Ausweichen, auf diesen unmittelbaren, körperlichen Horror, bei dem du oft nicht schiesst, sondern dich tatsächlich prügelst. Das ist keine klassische Survival Horror Komfortzone, in der du mit Distanz und Ressourcenverwaltung die Kontrolle behältst. Wenn das Gameplay klickt, ist es intensiv. Wenn es nicht klickt, fühlt es sich an wie ein System, das dich in einen Takt zwingt, den du nicht gewählt hast. Viele Kritiken wirkten genau so: Viele meinten, dass es nicht zu dem passt, was erwartet wurde. Und Erwartungen waren bei diesem Spiel eben der eigentliche Endboss.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Ab und zu geht's auch nach draussen auf die Planetenoberfläche

Der Blick hinter die Kulissen macht das Bild noch schärfer. Rund um die Entwicklung gab es öffentlich diskutierte Themen wie hohe Arbeitsbelastung und Crunch Times, und unabhängig davon, wie man einzelne Aussagen oder Reaktionen bewertet, zeigt so etwas fast immer, dass ein Projekt unter massivem Termin und/oder Produktionsdruck leidet. Dazu kamen die realen Störfaktoren der damaligen Zeit: Die Folgen der Corona-Pandemie, Umstellungen auf Home-Office und Remote-Work, die grosse Fluktuation in der Branche. Für ein junges Studio, das gleichzeitig eine neue Marke aufbauen und ein technisch opulentes Spiel abliefern muss, ist das eine denkbar harte Startposition. Ein Erstlingswerk braucht Stabilität, eingespielte Abläufe, Zeit fürs Iterieren. Wenn genau diese Zeit fehlt, merkt man das selten an den grossen Schauwerten, sondern am Feinschliff, also an den Stellen, die ein Spiel eben nicht nur "sehr gut", sondern eben "unvergesslich" machen.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Groteske Experimente warten im Bio-Labor des Black Iron Prison

Später kamen Berichte und Aussagen hinzu, die andeuten, dass das Spiel nicht nur unter Druck stand, sondern womöglich auch früher erscheinen musste, als es intern ideal gewesen wäre. Das ist der Punkt, an dem "Underrated" eine andere Farbe bekommt. Nicht als billige Ausrede, sondern als Erklärung, warum sich manche Elemente so anfühlen, als wären sie eine halbe Iteration entfernt vom grossen Wurf. Ein paar zusätzliche Gegnertypen, mehr Bossvarianz, mehr Raum für spielerische Überraschungen. Nicht zwingend, weil die Ideen fehlten, sondern weil die letzte Politur ein Luxus ist, den man sich unter Termindruck oft nicht leisten kann.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
No-Hud: Lebensenergie und Ammo-Count à la Dead Space

Und dann ist da noch das Gewicht der eigenen Ambition. The Callisto Protocol sieht aus wie ein Spiel mit sehr hohem Budget, mit entsprechendem Erwartungsdruck von aussen und innen. Es sollte Scofields Meisterwerk sein. Wenn so ein Projekt nicht sofort als Triumph wahrgenommen wird, reagiert der Markt hart und die Diskussionen werden lauter. Plötzlich geht es nicht mehr nur um das Spiel, sondern um verfehlte Ziele, um interne Umbrüche, um Personalentscheidungen und Technik-Blabla. Das frisst sich in die Wahrnehmung. Aus einem "soliden bis sehr guten Horrortrip" wird ein "Problemfall". Und Problemfälle bekommen selten faire zweite Blicke, obwohl sie genau diese zweite Runde oft verdienen.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Welche Überraschung erwartet uns wohl in diesen Fracht-Containern?

Zum Glück gibt es genau für diesen oft wichtigen, zweiten Blick unsere Rubrik "Underrated", denn heute funktioniert The Callisto Protocol sehr viel besser, weil das Umfeld leiser ist. Patches, Optimierungen beim Gameplay, neue Skins, Schwierigkeitsgrade und Game-Modi sowie ein umfangreicher DLC machen das Spiel heute zu dem, was es eigentlich beim Launch sein wollte. Ohne das Dauerrauschen des Vergleichs, ohne die Launch Panik, ohne das Bedürfnis, aus jedem Release gleich ein Urteil über das gesamte Genre zu machen, bleibt heute ein Spiel übrig, das verdammt viel richtig macht. Die Inszenierung ist absolut stark, die Welt ist dreckig und glaubwürdig, das Sounddesign ein Biest, die Grafik grandios und die Gewalt hat diesen unangenehm realen Nachdruck, der nicht cool sein will, sondern verstörend.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror
Das wahre Ending gibt's nur via kostenpflichtem DLC "Final Transmission"

Mit dem Story-DLC "Final Transmission", der in etwa 3-4 Stunden dauert, fand das Spiel knapp ein Jahr später ein neues, wenn auch nicht ganz befriedigendes Ende. Eines merkt man aber sofort; dass dieser Teil ursprünglich ins Hauptspiel gehört hätte. Das war von den Entwicklern vermutlich sogar geplant. Die Erweiterung führt Jacob noch einmal in neue Bereiche der Black Iron Anlage, erweitert das Gameplay, bringt mit dem wuchtigen Kinetic Hammer eine neue Waffe und sogar neue zusätzliche Gegnertypen ins Spiel. Schade, dass Erstkäufer dafür nochmal mit rund CHF 15.- zur Kasse gebeten werden.



Fazit:

The Callisto Protocol ist kein perfektes Spiel. Es war und ist auch kein neuer Genre König. Aber es ist heute deutlich mehr als sein Ruf, und genau deshalb underrated. Für mich gehört The Callisto Protocol im Nachhinein (und wichtig: mit dem DLC!) zu den besten Sci-Fi Horror Spielen aller Zeiten, mit einem der wohl besten Theme-Songs, der noch dazu von einer Schweizerin beigesteuert wurde (Anja Gmür alias Kings Elliot). Falls ihr The Callisto Protocl noch nicht gespielt habt, tut euch den Gefallen. Schade, dass wir wohl nie einen zweiten Teil sehen werden.


Underrated: The Callisto Protocol - Unterschätzter Sci-Fi Horror

The Callisto Protocol ist für PS4, PS5, Xbox One und Series X|S sowie PC für Steam und im Epic Game Store erschienen. Für die PS5- und Xbox Series X|S gab es ein kostenloses Next-Gen Update, das die Grafik und Performance erheblich verbessert. Der DLC "Final Transmission" ist separat für ca. CHF 15.- zu haben. Zusätzliche Skin-Packs sind ebenfalls kostenpflichtig erhältlich.

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