The(G)net Review: Crimson Desert
- Sascha Böhme

- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Tag
Crimson Desert ist eines jener seltenen Spiele, das sich nahezu übermenschliche Ziele setzt und über weite Strecken tatsächlich den Eindruck hinterlässt, ihnen gerecht zu werden. In einer Zeit, in der Grossprojekte zum Start häufig an ihren eigenen Ambitionen scheitern, präsentiert sich Pearl Abyss' Action RPG trotz einzelner Frustmomente und einiger Ecken als bemerkenswert abgeschlossenes Gesamtwerk.

Ein so umfangreiches Projekt wie Crimson Desert zu testen ist kein leichtes Unterfangen. Die Main-Quest allein bietet bereits über 50 Stunden Inhalt, während sich für neugierige und systemaffine Spieler problemlos eine Spielzeit jenseits der 300 Stunden abzeichnet. Ich habe jetzt über 40 Stunden mit dem Spiel verbracht und das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben. Trotzdem fühle ich mich bereit für ein Fazit und will euch hier die wichtigsten Anhaltspunkte liefern, wonach ihr entscheiden könnt, ob Crimson Desert etwas für euch ist oder eben nicht.

Narrativ schlägt Crimson Desert einen ungewöhnlichen Weg ein. Ihr werdet im wahrsten Sinne des Wortes ins kalte Wasser geworfen, weitgehend ohne klassische Tutorials und Händchenhalten. Im Mittelpunkt steht Kliff vom Clan der Graymanes, einer Gruppe von Friedenswächtern aus Pailune in der Welt von Pywel. Die Graymanes geniessen hohes Ansehen, weil sie für Loyalität, Disziplin und die Wahrung der Ordnung stehen. Doch gleich zu Beginn wird unser Clan durch einschneidende Ereignisse auseinandergerissen, was den Ausgangspunkt für Kliffs Reise bildet. Zunächst steht der Wiederaufbau der Graymanes und das Wiederfinden der überlebenden Freunde im Zentrum, doch im weiteren Verlauf weitet sich die Geschichte deutlich aus und entwickelt eine Tragweite, die weit über das Schicksal des eigenen Clans hinausgeht.

Dieser Ansatz kann zu Beginn befremdlich wirken, entwickelt mit zunehmender Spielzeit jedoch eine eigene Faszination. Denn Crimson Desert möchte, dass ihr euch das Wissen des Protagonisten Schritt für Schritt aneignet. Entscheidend dafür sind nicht nur die Hauptmissionen, sondern vor allem die Fraktions- und Nebenaufgaben, die den Gefährten Profil verleihen und ihre Beziehungen untereinander greifbar machen. Viele dieser Missionen sind spielerisch eher schlicht aufgebaut, erfüllen aber einen wichtigen narrativen Zweck: Sie geben den Figuren Gewicht, Persönlichkeit und emotionale Glaubwürdigkeit. Die Hauptgeschichte selbst bleibt dabei deutlich komplexer und mitunter schwer zu verstehen. Wichtige Figuren treten auf, ohne dass ihre Rolle sofort klar wird, und manche Zusammenhänge erschliessen sich erst spät. Wer sich auf diese Erzählweise einlässt, wird jedoch mit einer Welt belohnt, die eine extreme Tiefe entwickelt.

Besonders eindrucksvoll ist die Spielwelt an sich. Selbst nach vielen Stunden zeigt sich immer wieder, wie gross und inhaltsreich Pywel angelegt ist. Die offene Welt zählt zu den stärksten ihrer Art, weil sie uns immer wieder auf natürliche Weise zur Erkundung verleitet. Hinter nahezu jeder Wegbiegung scheint eine neue Entdeckung zu warten, während Städte glaubwürdig belebt wirken und Reisen regelmässig durch unerwartete Funde unterbrochen werden. Wer sich nicht nur an Wegmarkierungen orientiert, sondern die Umgebung aufmerksam beobachtet, wird laufend mit Quests, Minispielen, Rätseln oder anderen Aktivitäten belohnt. Gerade diese Dichte an kleinen und grossen Momenten verleiht der Welt von Crimson Desert eine aussergewöhnliche Lebendigkeit.

Hinzu kommt, dass das Spiel viel Wert auf Alltag, Atmosphäre und Glaubwürdigkeit legt. Schon einfache Handlungen wie das tägliche Grüssen eines NPCs, um Vertrauen aufzubauen, können spielerische Vorteile oder sogar neue Begleiter freischalten. Solche Systeme laden dazu ein, nicht bloss Aufgaben abzuhaken, sondern sich auf die Welt einzulassen. Wenn man durch Städte zieht, Figuren begegnet, kleinen Geschichten lauscht oder scheinbar unscheinbare Interaktionen pflegt, entsteht der Eindruck, dass Pywel unabhängig vom Spieler existiert. Kliff ist hier nicht das Zentrum des Universums, sondern ein Teil eines grösseren Ganzen, und genau das macht alles so reizvoll.

Auch abseits der Hauptgeschichte bietet das Spiel eine enorme Bandbreite an Aktivitäten. Minispiele wie Armdrücken, Bogenschiessen oder ein kartenbasiertes Glücksspiel stehen ebenso zur Verfügung wie Kopfgeldjagden oder skurrile Alltagsaufgaben. Später kommen mit Damiane und Oongka zwei weitere spielbare Figuren hinzu, die eigene Nebeninhalte mitbringen.

Ungewöhnlich und nicht weniger beeindruckend ist auch das Kampfsystem, das sichtbar von Black Desert inspiriert ist und dessen Stärken in ein Einzelspielerformat überträgt. Crimson Desert präsentiert sich im Gefecht schnell, fordernd und überraschend vielschichtig. Schnell wird klar, dass es hier nicht beim simplen Zuschlagen, Ausweichen und Blocken bleibt. Der eigentliche Reiz liegt in den umfangreichen Kombinationsmöglichkeiten, die mit fortschreitender Spielzeit immer weiter ausgebaut werden. Artefakte aus dem "Abyss" (Abgrund) erweitern das Fähigkeitenrepertoire stetig, während sich weitere Techniken teils durch Beobachtung gegnerischer Bewegungen erschliessen lassen. Selbstredend, dass in einem Spiel dieses Kalibers für Waffen und Ausrüstung Slots zur Verfügung stehen, die zahlreiche elementare Buffs mit sich bringen. Das Resultat ist ein Kampfsystem, das fast schon an ein Fighting Game erinnert, weil Tasteneingaben, Timing und Kombos deutlich über dem Genrestandard liegen. Das Steuerungsschema fällt dementsprechend umfangreich, um nicht zu sagen kompliziert aus.

Gegen gewöhnliche Gegner darf offensiv und experimentierfreudig gespielt werden, gegen Eliten und Bosse ist hingegen Disziplin und Technik gefragt. Hier zeigt sich die Schattenseite der hohen Komplexität: Manche Kämpfe können ausgesprochen frustrierend sein, insbesondere weil nicht immer sofort klar wird, wo die Schwachstellen des Gegenübers liegen oder welche Hilfmittel wichtig wären. Da Crimson Desert keine klassischen Schwierigkeitsgrade anbietet, entsteht die eigene Stärke vor allem durch Vorbereitung, Spezialisierung und Investitionen in unterschiedliche Systeme. Wer möchte, kann sich durch bessere Ausrüstung, zusätzliche Heilmittel, besondere Fraktionsbelohnungen oder gezielte Nebenaktivitäten Vorteile verschaffen. Gerade dadurch entsteht ein angenehm offener Ansatz: Es gibt nicht nur einen Weg zum Erfolg, sondern viele. Dass einzelne Bosskämpfe dennoch an der Grenze zum Soulslike kratzen, ist eine berechtigte Kritik, ändert aber nichts daran, dass Pearl Abyss hier ein System liefert, das sich mutig von vielen etablierten Actionstandards absetzt.

Wer glaubt, das Kampfsystem sei bereits komplex, hat die restlichen Mechaniken des Spiels noch nicht gesehen. Crimson Desert fühlt sich streckenweise wie eine Sammlung mehrerer vollwertiger Spiele an, die unter einem Dach zusammengeführt wurden. Dazu kommen zahlreiche Spezialfähigkeiten wie das Fliegen und Gleiten, die erst im weiteren Verlauf freigeschaltet werden und neue Wege in der Welt eröffnen. Reiten, Pferdezähmen, Rohstoffabbau, Angeln, Handel und Lagerverwaltung sind keine oberflächlichen Nebentätigkeiten, sondern tief integrierte Bestandteile des Spielerlebnisses. Besonders auffällig ist dabei das Basissystem, das in seinem Umfang fast schon an eigenständige Aufbauspiele erinnert. Unser Lager und viele weitere Locations lassen sich ausbauen, mit neuen Figuren besetzen und wirtschaftlich effizienter gestalten. Selbst Landwirtschaft und Viehzucht sind vorhanden, was dem Spiel stellenweise eine fast schon Lifesim ähnliche Komponente verleiht. Und natürlich gibt es auch eine Vielzahl tierischer Begleiter, die nicht nur Dekoration sind, sondern euch aktiv unterstützen. Hund und Katz sind da nur der Anfang.

Einen besonderen Stellenwert nehmen die Rätsel ein. Sie begegnen euch in vielen Haupt- und Nebenmissionen ebenso wie bei der freien Erkundung und fallen oft äusserst anspruchsvoll aus. Viele davon sind im Abyss angesiedelt, also dem schwebenden Reich über Pywel, das mit seinen Inseln und Mechaniken entfernt an Zelda: Tears of the Kingdom erinnert. Oft müssen Objekte mit dem Axiom-Armband, einem magischen Armreif mit Enterhaken Funktion, manipuliert werden. Das Spiel erklärt dabei bewusst nicht jeden Schritt, sondern verlangt Eigeninitiative, Beobachtungsgabe und Experimentierfreude. Gerade deshalb ist das Erfolgserlebnis beim Lösen dieser Aufgaben besonders stark.

Technisch hinterlässt das Spiel einen überzeugenden Eindruck. Statt auf eine gängige Standard Engine zu setzen, nutzt Pearl Abyss die hauseigene BlackSpace Engine, die bereits in Black Desert ihre Leistungsfähigkeit bewiesen hat. In Crimson Desert kommt dieser technologische Unterbau nun besonders eindrucksvoll zur Geltung. Die Spielwelt ist detailreich, atmosphärisch und visuell beeindruckend, ohne dabei in jene typischen Performanceprobleme zu verfallen, die in den letzten Jahren viele ambitionierte Titel begleitet haben. Ich habe das Spiel auf der PS5 Pro im Balanced-Mode gespielt, der dank VRR und 40 FPS angenehm flüssig daher kommt, ohne allzu viele Einbussen gegenüber der grafisch überlegenen PC-Version. Nur das Raytracing macht durch Flimmern und Flackern oft keine besonders gute Figur, was besonders in Innenräumen zum hässlichen Problem werden kann. Im Performance-Mode kämpft das Spiel zudem mit lästigen Pop-Ups.

Aus künstlerischer Sicht ist Crimson Desert jedoch über jeden Zweifel erhaben. Die Mischung aus mittelalterlicher Fantasy, Magie und mechanisch anmutendem Fortschritt verleiht der Welt einen eigenständigen Charakter. Abgerundet wird das stimmige Gesamtbild durch einen Soundtrack, der überraschend stark zur Langzeitmotivation beiträgt. Gerade bei einem Spiel, das auf sehr viele Stunden ausgelegt ist, ist gutes Audiodesign ein Schlüsselfaktor, und hier spielt Pearl Abyss seine Erfahrung klar aus. Die Musik unterstreicht nicht nur Atmosphäre und Dynamik, sondern bleibt auch über lange Zeit prägnant, ohne zu ermüden.

Es ist nahezu unmöglich, euch den enormen Umfang und alle spielerischen Möglichkeiten von Crimson Desert ist diesem Testbericht näher zu bringen. Sonst käme ich hier nie auf den Punkt. Aber ich kann sagen, dass ihr mit diesem Spiel für den Rest des Jahres beschäftigt und konstant überrascht sein werdet. Spannend bleibt darüber hinaus, wie Pearl Abyss die Zukunft gestalten wird. Offiziell ist Crimson Desert als Einzelspieler Titel konzipiert, doch Struktur, Systeme und Welt würden durchaus Potenzial für spätere Koop- oder Online Elemente bieten. Noch ist das Spekulation, aber ganz abwegig erscheint dieser Gedanke nicht. Dass noch mindestens ein DLC in Arbeit ist, wissen wir bereits.
Fazit:
Crimson Desert ist ein aussergewöhnlich ambitioniertes Spiel, das in erstaunlich vielen Bereichen abliefert. Nicht alles ist perfekt, und bei manchen Elementen dürfte noch nachgebessert werden. Die Vielzahl an Mechaniken können durchaus überfordern und undurchschaubare Boss-Fights und Rätsel frustrieren. Das Spiel verlangt Aufmerksamkeit, Lernwillen und die Bereitschaft, sich in viele Systeme einzuarbeiten. Doch genau dadurch wirkt Crimson Desert wie ein Titel, der das Potenzial hat, eines der ganz grossen Action RPGs zu werden. Pearl Abyss liefert hier ein bemerkenswert eigenständiges Open-World Abenteuer ab, das sich zwar von vielen Genregrössen wie Red Dead Redemption 2, The Witcher 3 oder Tears of the Kingdom inspirieren lässt, daraus aber etwas Eigenes formt. Ein Rohdiamant sozusagen, der trotz kleinerer Schwächen in Technik und Komfort in vielerlei Hinsicht neue Massstäbe für offene Spielwelten setzt. Für mich ist Crimson Desert ein ernstzunehmender Anwärter auf das Spiel des Jahres 2026.

Crimson Desert ist für PC, PS5 und Xbox Series X|S erhältlich. Wir haben uns das Spiel selbst gekauft und auf der PS5 Pro getestet.







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