The(G)net Review: Cyberpunk 2077

Hype des Jahrzehnts, 8 Jahre Entwicklungszeit, mehrere Verschiebungen, ein desaströser Release mit Bugs am Laufmeter, massive Aktienverluste, Crunch-Vorwürfe, verärgerte Fans, klagefreudige Investoren, ein Internet-Shitstorm par excellence und am Ende gar der temporäre Rückzug aus dem Playstation Store. Ein Todesurteil für jedes Game, aber nicht für Cyberpunk 2077. Wir sagen euch warum.



WIR HABEN CYBERPUNK AUF DER XBOX ONE X mit dem aktuellsten Patch 1.06 getestet.


Cyberpunk 2077 stellt euch gleich zu Beginn vor die erste, entscheidende Wahl: Gehe ich als Outlaw in den Badlands an den Start, arbeite ich mich als Streetkid in der Gosse von Night City nach oben oder strebe ich eine Karriere als reicher Konzerner an. Egal für welche der drei unterschiedlichen Tätigkeiten ihr euch entscheidet, jede Storyline spielt sich, bis auf den Startpunkt und ein paar kleine Details, komplett gleich. Wir entscheiden uns beim ersten Durchlauf für Streetkid "V" und landen mittendrin im Sumpf von Verrat, Korruption, Betrug, Unbarmherzigkeit und Gewalt. Während die Chefredaktion über eine Stunde im Charaktereditor rumdoktert und die vielen Möglichkeiten von Kopf über Genitalien bis Fuss ausschöpft, reichen auch 5 Minuten und wir sind mittendrin im neuesten Titel der Witcher 3-Macher.



Nach einem missglückten Diebstahl und einer Kombination aus schlechter Planung, unvorhergesehenen Variablen und simplem Pech, sieht es nicht gut für V aus. Ein experimenteller Chip steckt in seinem Kopf fest, dessen Daten langsam seine Persönlichkeit löscht und von Johnny Silverhands (Keanu Reeves) Bewusstsein Stück für Stück in Besitz genommen wird. Klingt kompliziert - ist es auch. Aber das ist eine noch viel längere Geschichte, die ausführlich im spannenden Hauptstorystrang des Spiels aufgearbeitet wird, mehr wollen wir nicht spoilern.



Im Gegensatz zu CD Projekt Red's Blockbuster Witcher 3 wurde diesmal die Egoperspektive gewählt, nur beim Steuern der unterschiedlichen Vehikel wie Motorrad, Auto oder Truck, ist die 3rd-Person Sicht erlaubt. Apropos Autos: Ihr verfügt im Laufe des Spieles über einen wachsenden Fuhrpark. GTA-Fans und Wochenendganoven wissen Bescheid - warum kaufen, wenn ich mir ohne grosse Konsequenzen eines klauen kann? Am Rotlicht erblicke ich einen schnittigen Flitzer neben mir. Kurz die Fahrertür aufgerissen, den Besitzer rausgeschmissen und schon habt ihr freie Fahrt. Denn im Gegensatz zu GTA sind die Ordnungshüter gemütlichere Naturen und erwischen euch nur, wenn ihr zu lange am Tatort rumlungert. Wilde Rammaktionen, wo euch die halbe Stadt jagt, gibt es in Night City nicht.



V's Fähigkeitenauswahl darf problemlos als "üppig" bezeichnet werden. Dank den 12 unterschiedlichen Skilltrees, plus separaten Leveloptionen der jeweiligen Charakterklasse, kommen knarrenschwinngende Hobby-Rambos genauso auf ihre Kosten wie schleichfreudige Assassine oder hackende Techniknerds. Pro Levelaufstieg kassiert ihr zweierlei Punkte. Fähigkeitsboni fliessen direkt in das spezifische Attribut und erhöhen so Konstitution, Intelligenz, usw. Technikpunkte werden im Fähigkeitenbaum verjubelt. Hier kann alles euren persönlichen Vorlieben angepasst werden. Mit über 100 Extraskills (Recoilminderung, mehr Ausdauer, schnellere Hacks und und und) bleibt einem nur die Qual der Wahl. Es darf aber auch wild gemischt werden. Ob ihr nun einen stealthbasierten Strassenprügler zusammenschustert oder lieber als klingenschwingender Netrunner die Gegner reihenweise mit dem Katana umsäbelt, ist euch überlassen.



Theoretisch lässt sich Cyberpunk auch komplett als Pazifist durchspielen. Beim Anschleichen entscheidet ihr, ob ihr den Feind abmurkst oder nur bewusstlos würgt. Waffen lassen sich mit den richtigen Zusätzen in nicht tödliche Knarren umwandeln. Wer clever seine Hackfähigkeiten einsetzt, bleibt gar bis zum Missionsende unentdeckt.


Streetcreds oder kurz "SOC" schaufelt ihr auf ein privates Konto und steigert so euer Ansehen, was somit bessere Upgrade-Chips, Kleider und Waffen freischaltet. Letztere bekommt ihr in selten Fällen geschenkt, meistens sammelt ihr sie aber von erledigten Bösewichten ein oder holt euch eine neue Wumme bei einem der unzähligen Händler in Night City. Je nach Waffenart, die von normal bis episch eingestuft werden, könnt ihr eure Knarren zusätzlich aufpimpen. Zielhilfen, Schalldämpfer oder Powerchips lassen sich in die vorhanden Slots einspeisen und können on-the-fly für die jeweilige Situation angepasst werden. Zusätzlich levelt ihr euren Ballermann mit gefundenem Schrott und anderem Krimskrams im Crafting-Menü hoch. Auch Medipacks, Granaten, Munition, wie auch Waffen und Chips lassen sich dort im Handumdrehen herstellen, insofern ihr die passende Menge an Materialien im Rucksack habt. Mit der Waffe im Anschlag pirscht ihr euch geduckt in die Nähe des Gefahrenherdes, slidet hinter eine Deckung und ballert dank Techupgrade selbst durch die dicksten Wände oder nutzt den Abpralleffekt spezieller Mods, um Gegner "um die Ecke um die Ecke" zu bringen.



Kleidung gibt es en Masse, von Hut bis Schuh, insgesamt 7 unterschiedliche Zwirne unterstützten nicht nur eure Verteidigung, sondern sind auch visuell komplett unterschiedlich. So kann es sein, dass ihr eine Zeitlang in einer knappen Unterhose rumrennt, bis ihr wieder ein passenderes Beinkleid mit besseren Stats gefunden habt. Spezielle Ganzkörperoveralls tarnen euch z.B. als Konzerner oder Polizist, worauf ihr ungehindert in gesicherte Bereiche reinspaziert, ohne den Alarm auszulösen. Eine weitere, wichtige Komponente ist eure Cyberware. Mit diesen Chips verbessern die Ripperdocs eure biomechanischen Zusätze. Bessere Linsen zeigen Gegner hinter Wänden an, Gorillaarme machen euch zum unschlagbaren Strassenkämpfer, die Schulterverstärkung erhöht das Tragevolumen im Rucksack oder Anzahl an Hacks, die mit dem Gunplay den integralen Bestandteil von Cyberpunk darstellen. Per Schultertaste scannt ihr die Umgebung und könnt so entweder Kameras deaktivieren, Geräte ein- und ausschalten, um Wachen abzulenken oder hackt euch direkt in das Gehirn eines Feindes und entscheidet, ob ihr ihn kurzzeitig erblinden lässt, seine Waffe temporär mit Ladehemmungen verseht oder ihn gleich zum Selbstmord animiert.



In Cyberpunk wird auch gelootet bis die Schwarte kracht. Nach einem Scharmützel mit den Gegnern ist das Schlachtfeld übersäht mit Items: Knarren, Kleider, Schrott, Esswaren, Chips... alles lässt sich einsammeln. Dabei wird mit der zugehörigen Farbe (weiss bis orange) der Seltenheitswert eines Items angezeigt. So kann es geschehen, dass das Plündern länger dauert, als der eigentliche Kampf. Aber vorsicht, stopft ihr euch zu viele Fundsachen in den Rucksack, erreicht ihr schnell euer Tragelimit. Wie ein Rentner schlurft ihr dann im Schneckentempo durch Night City, solange ihr die überschüssigen Gegenstande nicht wegegeworfen, in eurem Kofferraum gelagert oder an einem der vielen Verkaufsterminals verhökert habt.



Selbstverständlich sind liquide Mittel in einer Stadt wie Night City von Vorteil. Aufträge werfen je nach Gefahrenpotential mehr oder weniger Guthaben ab. Überschüssige Gegenstände werden verschachert oder wir hacken frech den Tresor erledigter Kontrahenten. Mit den sogenannten Eurodollars oder kurz Eddies (E.D.) lassen sich Dienste bei Ripperdocs, Waffen- und Autohändlern, Prostituierten, Modeboutiquen oder Restaurants erkaufen. Etwaige Bestechungen werden ebenfalls in der Kombiwährung entrichtet. Meistens seid ihr in Night City zu Fuss unterwegs. Längere Strecken absolviert ihr entweder mit Karre oder Motorrad, oder benutzt eine der vielen Fasttravel-Haltestellen, die auf der Übersichtskarte nach und nach freigeschaltet werden.



Die Hauptstory geht zügig voran, euch wird aber eine so grosse Anzahl an Nebenmissionen, Aufträgen, Überfällen und Kopfgeldjagden vor die Füsse geschmissen, dass selbst dem härtesten Open World-Profi schwindelig wird. Dennoch gibt es es kaum irgendwelche Fetchquests oder Lümmelaufgaben wie: Hole 15 dies und das oder bringe Gegenstand Z von T nach Y. Der aktuelle Speedrun für 2077 beträgt knapp etwas über 3 Stunden. Wir haben für einen Komplettdurchgang rund 50 Stunden benötigt, wobei wir knapp die Hälfte der Nebenmissionen erledigt haben. Rechnet man noch die kommenden DLCs dazu überschreiten Fans locker die 100 Stunden-Grenze.



Fazit:

Eines sollte allen klar sein; CD Projekt Red wird liefern, auch wenn es vielleicht bis Ende 2021 dauern wird, bis das Game in dem Zustand ist, wie es ursprünglich geplant und angekündigt war. Wer sich zu viele Ziele steckt und zu hohe Ambitionen hat läuft Gefahr, sich hoffnungslos zu verzetteln. Dies ist bei Cyberpunk 2077 genau der Fall. Hier wurden die Prioritäten ganz klar falsch gesetzt. Wo fange ich an?

Nehmen wir mal alleine das Charaktermenu. Warum muss ich mich durch drei Screens klicken, bis ich mir einen neuen Hut aufsetzen oder die Knarre wechseln kann? Dazu sind die Menus so chaotisch und unübersichtlich, dass ich teilweise mehr Zeit mit Craften, Upgraden, Verkaufen, Optimieren und dem Item-Management verbringe, als mit dem eigentlichen Spiel. Warum keine Autofunktion bei der Ankleide wie z.B in Yakuza 7existiert, entzieht sich meiner Logik.



Das gleiche beim Crafting. Jedes Item muss einzeln hergestellt werden, auch wenn ich z.B. 20 Granaten oder 30 Magazine brauche. Wenn ich aber Items in einem Shop kaufe, dann gibt es dort plötzlich diesen Anzahlregler!? Das verstehe wer will. Auch wurden Spielmechaniken eingebaut, die erstens unnötig wären und zweitens so gut wie nichts bringen. Die Braindance-Funktion beispielsweise. Die wird uns in einem Tutorial minutenlang erklärt, kommt dann im Spiel aber nur drei mal vor. Es ist ja schön und gut, wenn ich mich mit einer Dame aus dem horizontalen Gewerbe actionreich animiert ein paar Minuten im Hinterzimmer vergnügen kann, aber zuvor hätten ganz andere Baustellen fertiggestellt werden müssen. Wie heisst es so schön? "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen...". Lustig sind auch die allerlei unterschiedlichen Nahrungsmittel, die ich im Laufe der Stunden einsammelte. Im Menu erscheinen ungefähr 50 unterschiedliche Pakete mit separatem Icon. Dumm nur, dass ich absolut kein Bedarf für diese Zusätze hatte, weil sie schlichtweg unnötig sind. Nur beim letzten Bossfight hab ich als Spass ein paar Booster reingeschmissen. Die Schwimmoption kann man sich geben, aber es gibt absolut keinen Grund ins kühle Nass zu springen, da keine Mission dazu existiert und da unten eh nur tote Hose herrscht.



Rumdüsen in Night City ist ebenfalls mehr Tortur als Freude. Die Luxusschlitten, Sportwagen und Laster steuern sich schrecklich und bei den ersten drei Fahrten hing ich nach ein paar Sekunden entweder eingekeilt in eine Treppe fest, Abfallsäcke hinderten ein Vor- und Zurückkommen oder ich eierte dank der latenten Übersteuerung wie eine Flipperkugel durch die engen Seitenstrassen. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll und fand glücklicherweise ein Motorrad, welches nicht nur weitaus agiler und handlicher zu bedienen ist, sondern auch locker über Stock und Stein fährt und sogar 50 Meter Sprünge den Berg runter überlebt. In diesem Sinne hat CD Projekt Red gerade nochmals die Kurve gekratzt.


Grundsätzlich ist die ganze Leichenfledderei - also das Looten - eine spassige Angelegenheit, aber wenn ich nach gefühlten zwei Missionen bereits meinen Rucksack leeren muss, damit ich nicht im Kriechmodus lande, dann haperts irgendwo am Balancing.


Kommen wir noch auf die KI zu sprechen. Deren Bandbreite reicht vom kompletten Vollidioten bis zur erbarmungslosen Kampfmaschine. Öfters schauen Feinde, die auf der Suche nach euch sind, in die falsche Richtung oder bleiben sinnbefreit und regungslos einfach vor euch stehen, als wäre man unsichtbar. Ein anderes Mal wird man von allen Seiten angegriffen und gleichzeitig noch gehackt und schwupps ist Game Over.



Wer dachte, dass die Marvel Avengers einen miesen Auftritt hingelegt haben, wird in "Cyberbug 2077" eines besseren belehrt. Hier eine kleine Auswahl: Massenkarambolagen der KI und fliegende Autos, Items lassen sich nicht aufheben, obwohl der Marker sie anzeigt, regelmässige Freezes und Abstürze, Missionsteile werden nicht geladen oder richtig abgeschlossen obwohl sie erledigt sind, vom Hängenbleiben oder kompletter Immobilität abgesehen. Aber das Beste war der Unterhosenglitch. Nachdem ich sprichwörtlich den Höhepunkt einer Romanze erreicht hatte, wird einem nicht gesagt, dass man nach dem kleinen Abenteuer bis auf die Unterwäsche nackt da steht und sämtliche Hacks deinstalliert sind. Ich hab erst nach einer halben Stunde - und mehreren fragwürdigen Toden - durch einen Statuscheck im Menu den lustigen, aber irritierenden Bug entdeckt. Wie soll man sowas auch erkennen aus der Egoperspektive!?



Natürlich sind solche Bugs und Glitches extrem nervend, aber trotz allem lässt sich das Spiel komplett durchspielen, denn meistens hilft ein kurzer Neustart. Und hier sind wir in Cyberpunks Zwickmühle. Im Grunde ist es ein sehr solider Titel mit extrem gutem Storytelling (auf die Logikfehler gehen wir jetzt nicht ein) und das sagt einer, der eigentlich auf Hintergrundgeschichten und das ganze Tratra pfeift. Hinzu kommen souveräne Fightmechaniken und arcadelastiges, actionreiches Gunplay und viele unterschiedliche, spassige Fähigkeitenbuilds. Night City ist eine bombastische Location die, wenn sie mal richtig funktioniert, locker in der Oberliga mitspielt. Wenigstens ist im Sounddepartement alles im Lot. Professionelle Synchronisation und Kompositionen aus dem Wave-, Elektro- und Techno-Genre unterstreichen das Gesamtbild der futuristischen Neon-Stadt.



Im jetzigen Zustand (Patch 1.06) empfehle ich Cyberpunk 2077 nur bedingt. Es ist ein ungeschliffener Diamant mit viel unliebsamem Ballast und Zusätzen, so dass CD Projekt Red noch einiges zu bereinigen hat. Mir persönlich hat der Ausflug nach Night City dennoch viel Spass bereitet. Vielleicht gefiel mir Cyberpunk persönlich auch so gut, weil mich die Stadt sehr an gewisse Teile Bangkoks erinnert und ich dort auch ungefähr ein Jahr mit dem Motorrad rumgedüst bin. Mich spricht auch das Cyberpunk-Setting weitaus mehr an als der olle Geralt. Geduldige Naturen warten noch auf 2 oder lieber 3 Patches. Bis aber die finale (Next-Gen-) Version auf der Matte steht, wird es sicherlich noch bis Mitte 2021 dauern. Kleiner Tipp für Neueinsteiger am Rande: Unbedingt den Doublejump-Skill beim Ripperdoc zulegen! Die Extramobilität eröffnet ganz neue Fortbewegungsperspektiven und steigert den Spassfaktor gleich nochmals um ein paar Punkte. Da fragt man sich, warum man eine der besten Mechniken im Spiel derart verstecken muss.




0 Kommentare

The(G)net ist Mitglied des

SCN-Mitglieder:

• games.ch

joypad.ch

• the(G)net

powered by

Copyright © 2021 The(G)net Schweiz