The(G)net Review: Disaster Report 4 Summer Memories

Eigentlich hätte Disaster Report 4 bereits 2009 erscheinen sollen. Aufgrund der Katastrophe von Fukushima wurde das Projekt, infolge des damals zu aktuellen Inhaltes, auf Eis gelegt. Nach langem Rechte Hickhack, neuem Entwicklerteam und Aktualisierung der technischen Standards dürfen wir uns 2020 endlich dem Nachfolger des Katastrophen Action Adventures widmen.



Es hätte ein schöner Tag werden können, ein bisschen Shoppen, was Essen, Freunde treffen usw. Aber nix da! Denn auf den Weg in die Innenstadt fängt der Boden an zu rumpeln, Gebäude stürzen ein und unser ÖV-Bus legt sich aufs Dach. Leicht lädiert, kriechen wir aus dem Fahrzeugwrack und bringen uns in einem nahgelegenen Park vorerst vor dem nächsten Erdbeben in Sicherheit.



Nachdem wir das Geschlecht gewählt und die Haare mit Gesichtsform- und Farbe abgestimmt haben entscheiden wir, ob wir aus der Ego- oder 3rd-Person Perspektive das Abenteuer in Angriff nehmen. Unser Held (oder Heldin) ist nicht der fitteste Kandidat im Videospieluniversum. Per Knopfdruck wechselt ihr von Schlendern in einen gemütlichen Sprint, macht euch per Rufen bemerkbar oder kriecht durch enge Passagen. Springen kann unser Protagonist zwar nicht, überhüpft aber automatisch kleine Schwellen und Geländer und zieht sich in bestimmten Spielsituationen an hochgelegenen Kanten hoch. Das Ganze nagt aber trotzdem an unseren Kräften.



In Shops kaufen wir uns Lebensmittel und versorgen unseren Katastrophen-Überlebenden mit Nahrung und Flüssigkeit. Was rein geht, muss aber auch raus! Regelmässig erleichtert ihr euch auf dem WC, bevor die Blase platzt. Grosse S-Symbole dienen als Speicherpunkte und Auffrischstationen. Denn wer sich zu fest verausgabt, erhöht seinen Stresslevel und verliert Lebenssaft. Auf eurem Weg aus dem Chaos begegnen euch auch andere Überlebende. Praktisch jeder NPC ist ansprechbar, doch nur missionsrelevante Charaktere agieren tatsächlich mit euch, der Rest ist Einbox Dialog-Garnitur.



Um von einem kriesengeschüttelten Stadtteil in den nächsten zu gelangen, lösen wir kleine Rätsel oder helfen per Fetchquests Passanten in Not aus. Ein Kompass zeigt uns stets die Himmelsrichtungen an. Wer die Levels gründlich absucht, findet neue Kompassmodelle, die u.a Sushi, Animedirigenten oder das R-Type Raumschiff als Motto haben.



DisasterReport nimmt den Spieler aber nicht an die Hand. Nach dem Intro seid ihr ausschliesslich auf eure Kombinationsfähigkeit angewiesen. Missionziele, Targetmarkers geschweige denn Indexpfeile existieren nicht. Wer sich jedoch eifrig mit den anderen Überlebenden verbal austauscht, kriegt den einen oder anderen Hinweis zugeschoben. Während den Dialogen habt ihr teilweise die Wahl aus bis zu 10 unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten. So könnt ihr entweder als Supersamariter oder asoziale Dumpfbacke auftreten. Grossen Einfluss hat das auf die Story nicht, wer aber solide abliefert, kassiert Moralpunkte, oder eben Unmoralpunkte bei patzigem Benehmen. Je nach eurem finalen Moralkontostand wird euch eines der diversen Endings serviert. Auf der PS4 gibts exklusiv einen VR-Modus, der aber erst komplett freigeschalten wird, wenn das Spiel das erste mal beendet wurde.



Fazit:

Gut Ding will Weile haben. Auf der PS2 waren Disaster Report 1 und 2 (Englische Titel: S.O.S und Raw Danger) unentdeckte Juwelen. Die spartanische Grafik, das ungewohnte Setting und der eigenwillige Spielstil boten eine einzigartige Atmosphäre, ähnlich dem Klassiker ICO. Den dritten Ausleger habe ich leider auf der PSP verpasst, und war umso erfreuter, als DR4 eintrudelte. Ehrlich gesagt hatte ich keine grossen Erwartungen in das Spiel gesteckt, denn 11 Jahre "Entwicklungzeit" verheisst meistens nichts Gutes. Technisch gesehen sieht man DR4 sein Alter deutlich an. Teilweise fürchterliche Gesichtstexturen, hakelige Animationen aus der PS3-Ära und unterirdische Soundeffekte. Warum ich beim Laufen je nach Bodenstruktur einen anderen Sound habe, kann ich als Idee ja verstehen. Aber wenn es sich minutenlang anhört, als ob ich in einer alten Schuhschachtel Cornflakes zerdrücke, dann hätte vielleicht der Herr Soundengineer mal seine Ohren putzen müssen. Wenn ich zu schnell die Kamera drehe, verschwimmt leicht das Bild, was auf die Dauer sehr anstrengt. Trotz der in die Jahre gekommenen Grafik werden durch klever platzierte Licht- und Schatteneffekte das Beste rausgeholt, was anscheinend mit begrenztem Budget machbar war. Da hätte ich mir den VR-Modus (30 Minuten langer, menschenleerer Walkingsimulator) gespart und die Ressourcen lieber ins Hauptspiel gesteckt. Da ist noch viel Luft nach oben! Die Stärken von DR4 liegen ganz klar auf der sehr bizarren Story, lustigen Dialogen und witzigen Begegnungen. Nach ca.12 Stunden ist man durch und wünscht sich mehr Disaster. Schade ist auch, das man gewisse Spielelemente wie Nahrungsknappheit oder Stress und die Zwischensituationen wie Motorrad fahren, Gummiboot paddeln etc. zwar implementiert, aber nicht mehr ausgebaut hat. Es wirkt alles einfach zu kurz.


Disaster Report 4 verbirgt unter der dünnen Technikdecke ein wundervolles Action Adventure, das einen auch ohne dicke Knarren und wüste Schlägereien in seinen Bann zieht. Doch wegen der antiquierten Präsentation und dem geringen Umfang ist es zum Vollpreis nur bedingt zu empfehlen.




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