The(G)net Review: Immortals Fenyx Rising

Typhon hat die halbe Götterfamilie abgemurkst, Zeus wurde seinen Kräften beraubt und Prometheus hängt in einem eisigen Gefängnis fest. Es sieht so aus, als wäre die Sache gegessen und der Olymp wird fallen. Nur eine klitzekleine Sache wurde übersehen: Die Götter und Dämonen haben nicht mit Fenyx gerechnet!



Bevor wir unser Abenteuer als angeschwemmte Schiffsbrüchige (ihr könnt optional das Geschlecht auch auf männlich wechseln) starten, machen wir unsere Heldin im minimalem Editor kosmetisch fit für die lange Reise durch die griechische Göttermythologie. Wir entscheiden uns für eine grünhäutige Amazone, die aussieht wie She-Hulk's kleine Nichte, klatschen ihr noch ein paar Narben ins Gesicht und nach der Wahl der Stimmlage (hoch oder tief) haut Ubisoft's Zelda-Konkurrent gleich in die Vollen.


Zeus und Prometheus fungieren nicht nur als NPCs, sondern kommentieren aus dem Off, als wären sie Waldorff und Stettler aus der Muppetshow. Die beiden Streithähne haben eine Wette laufen. Prometheus glaubt, dass Fenyx es locker mit Typhon aufnehmen kann. Zeus dagegen hat nur Abscheu für die Menschheit übrig. Und den ganzen Salat müssen wir jetzt ausbaden.



Dass Breath of the Wild ganz klar für Immortals Pate stand, ist nicht von der Hand zu weisen. Nach dem kurzen Tutorial dürft ihr wie bei Zelda in alle Himmelsrichtungen reisen. Einen gradlinigen Weg gibt es in Ubisoft's Open World-Adventure als Storyquest zwar, aber Ablenkungen in Form von Challenges, Währungsfarming, Minigames und Minibossen, findet man überall in der riesigen Welt. Unsere Heldin wird gleich zu Beginn mit zwei göttlichen Waffen versorgt. Mit der Axt mäht ihr die Fieslinge gleich Reihenweise um und betäubt sie nach mehreren Hieben. Mit dem Schwert teilt ihr flink schnelle Hiebe aus, verursacht aber weniger Schaden. Insgesamt sind jeweils 16 unterschiedliche Waffen beider Arten überall im mythischen Griechenland versteckt.



Als Zweitwaffe greifen wir öfters auf den Bogen zurück, mit dem wir nicht nur Feinde beschiessen, sondern auch das eine oder andere Rätsel lösen. Entweder verschiessen wir Pfeile in schneller Reihenfolge oder steuern unser Geschoss wie eine Homingmissile durch die griechische Architektur. Wie Link verfügt Fenyx über die Spezialfähigkeit Objekte wie Kisten und Felsbrocken per Telekinese rumschweben zu lassen. Ob ihr die dicken Steine als Wurfwaffe benutzt oder Puzzles damit löst, sie ist sprichwörtlich stets zur Hand. Besonders hilfreich erweisen sich die Steingeschosse gegen dickere Spitzbuben.



Im Defensivbereich gibt es Helm und Brustpanzerung als Standardbekleidung, die wir im Hub-Tempel bei Hermes, dem Schmied und Mädchen für alles, gegen harte Währung aufleveln können. Per Knopfdruck weicht ihr katzengleich aus und profitiert mit einem perfekten Dodge kurzzeitig von der Zeitlupenoption, wo wir ein paar Sekunden ungehindert die Feinde malträtieren können. Wer gekonnt pariert, bringt die Bösewichte ins Taumeln, was wiederum ein kleines Zeitfenster für eine saftige Combo öffnet. Später schaltet ihr im Skilltree dank gefundener Münzen zusätzliche Spezialattacken wie ein Meer aus Speeren oder eine Chargeattacke frei.



Schleichernaturen gehen in die Hocke und pirschen sich von hinten an oder warten versteckt in einem Gebüsch und klauen dem Gegner mittels Backstab ein dickes Stück Lebensenergie. Reittiere müssen in Immortals zuerst gezähmt werden, bevor sie euch im Galopp durch die Pampa tragen. Geduckt nähert ihr euch dem Gaul eurer Wahl. Scheut ihr das Tier nicht weg und beruhigt ihr den zukünftigen Untersatz per Tastenbefehl, ist er aber sofort jederzeit abrufbar. Wie Link kann Fenyx prinzipiell jede noch so grosse Statue oder Felsformation besteigen, insofern die Ausdauer es zulässt. Nur in speziellen Challenge-Levels verliert ihr kurzfristig diese Fähigkeit.



Wer auf einer Statue thront und die Weitsicht geniesst, hat danach die Wahl entweder runterzuspringen, falls sich ein Gewässer in unmittelbarer Nähe befindet oder aktiviert die Flügel von Dädalus und gleitet elegant an entfernte Orte. Anfänglich noch mit minimalen Grundfertigkeiten ausgestattet, schalten wir später einen Geschwindigkeitsschub oder Doppelsprung mit Gleitoption frei. Unsere Flügel sind sowieso ein wichtiges Utensil, das wir ständig benötigen, um unkompliziert von A nach B zu kommen. Bis auf die vielen Kämpfe hängen diese ausnahmslos an der Ausdaueranzeige. Zum Glück verfügen wir über blaue Pilze, die sich wie das Gesöff für die Lebenkraftauffrischung per Digitalpad bequem konsumieren lassen.



Ohne unseren Beutel mit Devisen zu füllen, kommen wir aber nicht weit. Je nach Quest kassieren wir Münzen, Kristalle, Rubine oder Blitze und plündern Truhen und Kisten. Im Shop bei Hermes langen wir dann kräftig zu. Wir stemmen die Hanteln und erhöhen damit unsere Ausdauer, tauschen das gefunden Ambrosia in Lebenspunkte und holen uns neue Nebenaufgaben ab, die weitere Klunker für den Ingame-Shop zu Verfügung stellen. Der Weg zu Thypons Aufenthaltsort ist lang und beschwerlich. Falls uns die Heiltränke ausgehen, holen wir ein paar Granatäpfel vom Baum, Pflücken Blumen für Magietränke und sammeln blaue Pilze, die unseren Staminahaushalt umgehend regenerieren. Angehende Köche und Hobby-Gordon Ramseys suchen einen der vielen öffentlichen Kochtöpfe auf und mischen sich stärkere Gebräue zusammen, insofern genügend Zutaten gefarmt wurden.



Auf den 7 unterschiedlichen Goldinseln, so der offizielle Name laut Weltkarte, tummeln sich allerlei Monstrositäten. Zyklopen patrouillieren zwischen zerstörten Ruinen umher, ein Cerberus wartet zähnefletschend auf einer Grasweide, Ritter mit roten Augen schicken euch ihre Helfershelfer auf den Hals und Greiffe attackieren im Sturzflug - die komplette griechische Sagenwelt hat sich im Spiel versammelt. Des Öfteren kommt es vor, dass ihr Trümmer oder kleine Siedlungen auf Schätze untersucht und plötzlich ein dicker Boss auftaucht. Ihr entscheidet dann, ob ihr dem Buben eine Lektion erteilen wollt oder das Weite sucht, um mit besserer Bewaffnung zurückzukommen. Anfänglich geht das Spiel noch behutsam mit euch um, aber sobald die zweite Welt freigeschalten wird, zieht der Schwierigkeitsgrad zünftig an, insofern ihr nicht die ersten zwei, der fünf Schwierigkeitsgrade auswählt. Ein normales Durchspielen sollte man in 20 Stunden schaffen, eine Komplettierung mit 100% überschreitet die 50 Stunden Grenze. Ein dreiteiliger, kostenpflichtiger DLC wurde bereits angekündigt.



Fazit:

Immortals Fenyx Rising (Arbeitstitel Gods & Monsters) macht Link tüchtig Konkurrenz. Das Team um AC Odyssey nutzt die besten Elemente aus BotW und ergänzt sie mit einem tollen Kampfsystem und Belohnungen am Laufmeter. Und hier will ich gleich schon beim ersten Kritikpunkt einsteigen. Ich finde es ja grundsätzlich in Ordnung, wenn die Items einem nur so zufliegen, aber wenn man das System so verkompliziert wird, dass ich ein Finanzberaterdiplom brauche, um mich im Währungschaos auszukennen, dann haut das sogar dem Frosch die Locken weg. Ich hab da so die Vermutung, dass Ubisoft zuerst einen Echtgeldstore mit Lootboxen geplant hatte, aber aufgrund des immerwährenden Shitstorms gegen die unwillkommenen Praktiken die Reissleine zog und wir uns nun mit den Trümmern dieser Schnapsidee auseinandersetzen müssen. Warum brauche ich für jeden Mist eine eigene Währungseinheit? Und gewisse Upgrades gibt es nur in Kombination mit 20 Items von X plus eine Anzahl von Item Y?! Das geht bei jedem zukünftigen Hubbesuch tüchtig auf den Sack. Und wenn Hermes mit seinem Shop, der auch so heisst und nicht Laden oder Händler, nochmals Dinge mit eigenem Zaster unterhält, dann verdichten sich die Beweise für meine These. Sehr mühsam. Hatten wir letztens schon in Yakuza 7 eine Lawine an Cutscenes und Einspielern, führt Fenyx diese Tradition fort, jedoch fehlt es im Dialog Departement an allen Ecken und Enden. Irgendwann habe ich mich nur noch durch die Zwischensequenzen geklickt, da die Bandbreite von Fremdschämen, über Kopfschütteln bis zur leichten Verstörtheit reichte. Vielleicht bin ich für den Comicstil von Fenyx, die auch problemlos in Fortnite als Charakter auftreten könnte, zu alt, aber ein wenig Anspruch an die jüngere Kundschaft ist nie verkehrt. Irgendwann geht einem ihre konstante Quasselei aber so auf den Zeiger, dass man sich den ewigstummen Link zurück wünscht.



Trotz der beiden Kritikpunkte macht Immortals - wenn alles klappt - saumässig Spass. Dank den vielen Bewegungsoptionen zu Land, zu Wasser und in der Luft komme ich zügig voran und klettere dank neuem Skillset die steilen Wände noch schneller hoch und überwinde dank dem Gleitboost auch die weitesten Schluchten. Die 7 goldenen Inseln sind vollgepackt mit Geheimnissen und leichten bis sehr knackigen Rätseln aller Couleur und man kann looten bis zum Morgengrauen. Am besten gefielen mir aber die unzähligen Kampfoptionen, bei denen selbst Miles Morales zustimmend nicken würde. Denn auch wenn ihr gegen einen übermächtigen Gegner antretet, kann er durch eine Kombination aus Geschick, kluger Waffenwahl und Geduld auf die Matte gelegt werden - bei Erfolg ist ein fetter Erfahrungsbonus sicher. Beim Bogenschiessen würde ich sogar behaupten, das es das Beste ist, was ich bisher in einem Videospiel erleben durfte. Extrem flüssig und schnell einsetzbar. Mehrmals rettete mich der Bogen aus brenzligen Situationen. Eine grosse Chance hat Ubisoft aber verpasst. Jeder hat in BotW nach mehr Dungeons geschrien und auch wenn die 60 Heldentrials allesamt kleine Verliese mit hoher Rätseldichte sind, verliert die ewig ähnliche Textur über kurz oder lang seinen Reiz. Da hätte man mit grösseren und thematisch unterschiedlichen Verliesen massiv Punkten können.



Eindrücklich wiederum sind die vielen gigantischen Statuen, die sich allesamt besteigen lassen und eine wunderbare Optik über die Oberwelt bieten, AC lässt grüssen. Generell wirkt alles sehr lebendig und organisch und sieht im Qualitätsmodus nur marginal besser aus als in der Performance Variante mit 60fps. Wer wie ich knapp 100 Stunden in BotW versenkt hat, wird mit Immortals Fenyx Rising einen mehr als adäquaten Ersatz finden. Abenteuerfans, die eher auf realistische Settings stehen und keine Freunde mit Links Bestseller wurden, schauen auch diesmal in die Röhre. Hätte Ubisoft das vermurkste Finanzchaos verbessert oder schon gar nicht erst auf so ein stupides System gesetzt und den Narrativ nicht so platt gehalten, dann wäre ein Platz in der 9.0-Oberliga sicher gewesen.




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