The(G)net Review: Screamer
- Sascha Böhme
- vor 7 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Milestone hievt mit Screamer das gemeine Arcade Rennspiel aus der Versenkung und liefert einen Titel ab, der auf den virtuellen Asphaltpisten so viel Spass, Tempo und Sogwirkung entfaltet wie schon lange kein Genrevertreter mehr.

Die Konkurrenz im Arcade-Racer Sektor ist seit geraumer Zeit überschaubar, vor allem in jenem schwierigen Zwischenraum zwischen den beiden grossen Polen "Mario Kart" und "Forza Horizon". Doch Screamer behauptet sich nicht nur in dieser Lücke, sondern wirkt wie ein Spiel, das ebenso gut in der Hochphase der PS3 und Xbox 360 Ära neben Split Second, Project Gotham Racing, Blur oder Burnout Paradise hätte bestehen können.

Entscheidend ist, dass sich die Mailänder Entwickler endlich aus ihrer Komfortzone gewagt haben. Screamer ist kein Nostalgieprojekt, das kurzfristig eine Marktlücke bedient, sondern ein Werk mit klarer Identität, spürbarer Leidenschaft und einem gestalterischen Selbstbewusstsein, das in jedem Bereich erkennbar wird. Das fängt schon beim ungewöhnlichen Story Modus an, in dem rasante Rennen mit erzählerischen Passagen im Visual Novel Stil verbunden werden. Animierte Sequenzen, starke Figuren und eine episodisch aufgebaute Handlung sorgen dafür, dass sich Screamer inhaltlich deutlich von der Konkurrenz abhebt.

Die Geschichte kreist um ein illegales Rennturnier, organisiert von dem geheimnisvollen und wohlhabenden Mr. A, der ein Preisgeld von 100 Milliarden auslobt. Hinter der Teilnahme der einzelnen Fahrer steckt jedoch weit mehr als nur Geld. Fast jede Figur verfolgt eigene Ziele, trägt alte Wunden mit sich und bringt persönliche Motive in den Konflikt ein. So entsteht ein Spannungsfeld aus Rache, Loyalität, Misstrauen und Ehrgeiz, das sich nicht nur in den Zwischensequenzen, sondern auch direkt auf der Strecke widerspiegelt.

Gerade die sorgfältige Ausarbeitung der Charaktere gehört zu den grossen Stärken des Spiels. Fünf Teams mit insgesamt 15 zentralen Figuren, ergänzt durch weitere Nebencharaktere, sorgen für ein dichtes Netz aus Beziehungen, Rivalitäten und emotionalen Verwerfungen. Wer zu Beginn noch klar als Held oder Gegenspieler erscheint, gewinnt im Verlauf deutlich an Tiefe. Diese erzählerische Vielschichtigkeit ist in einem Rennspiel alles andere als selbstverständlich und verleiht Screamer eine bemerkenswerte Eigenständigkeit.

Auch spielmechanisch wird dieser Anspruch konsequent weitergeführt. Im Zentrum steht das sogenannte Echo, ein Gerät, das innerhalb der Handlung als geheimnisvolle technische Errungenschaft eingeführt wird und zugleich die Grundlage mehrerer zentraler Gameplay Systeme bildet. Nach einem tödlichen Crash krümmt es Raum und Zeit und versetzt Fahrer und Fahrzeug an den Moment vor der Explosion zurück. Dieses Konzept ist nicht nur erzählerisch clever eingebunden, sondern sorgt auch spielerisch für Dynamik, Spektakel und taktische Möglichkeiten.

Das Fahrmodell selbst fällt für einen Arcade-Racer anspruchsvoll aus. Ein halbautomatisches Getriebe, präzise Gangwechsel, Boost Mechaniken, offensive Strike Attacken, defensive Schilde und der mächtige Overdrive greifen ineinander und erzeugen ein Renngefühl, das zugleich technisch, intensiv und mitreissend wirkt.

Besonders hervorzuheben ist die getrennte Steuerung von Lenkung und Drift, wobei Letzterer über den rechten Analogstick kontrolliert wird. Diese Lösung eröffnet viel Präzision in Kurven und erlaubt einen Fahrstil, der sich eigenständig und fordernd anfühlt. Screamer ist damit kein simples Einsteiger Arcade Spiel, sondern eher ein kompromissloses Action Rennspiel mit beinahe kämpferischer Spieltiefe. Bis man die Steuerung verinnerlicht hat vergehen ein paar knifflige Stunden.

Hat man die Mechaniken einmal drin, entfaltet das Spiel eine enorme Befriedigung. Drifts, Boosts, Angriffe und Verteidigung verschmelzen zu einem Rhythmus, der Konzentration verlangt und gleichzeitig begeistert. Dazu kommt eine gelungene Vielfalt an Rennarten und Aufgaben. Neben klassischen Rennen gibt es Team Events, Zeitfahren, direkte Duelle, spezielle Herausforderungen und geschickt in die Handlung eingebundene Tutorials. Die Struktur bleibt dadurch abwechslungsreich, ohne beliebig zu wirken.

Auch der Schwierigkeitsgrad ist bemerkenswert gut austariert. Schon auf der ausgewogenen Stufe fordert die aggressive KI konstant Aufmerksamkeit. Ein Rennen von Anfang bis Ende zu kontrollieren, ist kaum möglich. Stattdessen bleibt alles bis zur Ziellinie offen. Genau darin liegt sowohl der Frust, wie auch einer der grossen Reize: Screamer vermittelt Spannung über das eigentliche Fahren, kann aber auch nerven, wenn der Gegner via "Gummiband-Effekt" immer wieder Boden gut macht, obwohl man selbst fehlerfrei fährt.

In audiovisueller Hinsicht setzt Milestone auf eine klassische Cyberpunk Anime Ästhetik mit Neon, Hochtechnologie, urbanem Verfall und biomechanischen Einflüssen. Das ist stimmig umgesetzt und technisch sauber, auch wenn nicht jede Umgebung gleich stark im Gedächtnis bleibt. Vor allem ausserhalb der futuristischen Metropole Neo Ray verlieren einige Schauplätze etwas von ihrer visuellen Eigenständigkeit. Deutlich markanter fallen dagegen das Streckendesign, die Benutzeroberfläche, die Fahrzeugmodelle und vor allem die Figuren aus.

Letztere überzeugen mit auffälligen Designs, starker Präsenz und gelungener Synchronisation. Besonders gelungen ist dabei die Entscheidung, jede Figur in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen zu lassen. Das verleiht dem Spiel Authentizität und unterstreicht den internationalen Charakter des Turniers. Auch musikalisch weiss Screamer zu überzeugen, von starken Eröffnungsstücken bis zu den thematisch passend gestalteten Tracks der einzelnen Teams.
Fazit:
Ridge Racer auf Steroiden. Milestone ist mit Screamer ein bemerkenswerter Wurf gelungen. Das Studio verlässt seine gewohnte Komfortzone und kehrt nicht nur zu den Wurzeln des Arcade Rennspiels zurück, sondern interpretiert sie mit überraschender Frische neu. Das Fahrgefühl ist schnell, technisch anspruchsvoll und belohnend, die Story ungewöhnlich packend. Besonders gut gefallen hat mir auch die Präsentation mit ihrer Cyberpunk Anime Ästhetik und sogar die Technik kann durchgehend überzeugen - was man von anderen Milestones Titeln ja nicht immer behaupten kann. Screamer ist einfach ein aussergewöhnlich fesselnder Arcade-Racer, der genau zur richtigen Zeit kommt und dem Genre ein lange vermisstes Ausrufezeichen verpasst.

Screamer ist für PC, PS5 und Xbox Series X|S erschienen. Wir haben das Spiel auf der PS5 Pro getestet. Das Test-Muster stammt von Milestones, wofür wir uns herzlich bedanken!



