The(G)net Review: The Blood of Dawnwalker
Polen hat sich längst zu einer der Top-Adressen für grosse Rollenspiele entwickelt. Nach Studios wie CD Projekt Red oder Questline versucht sich nun auch Rebel Wolves daran, dem Genre seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Mit The Blood of Dawnwalker legt das Studio ein ausgesprochen ambitioniertes Debüt hin, das vor allem durch seine düstere Welt, seine Entscheidungsfreiheit und eine starke Geschichte auffällt. Ganz ohne Probleme kommt das Vampir Abenteuer allerdings nicht aus.

The Blood of Dawnwalker entführt uns in eine düstere mittelalterliche Version der Karpaten, in der Vampire die Herrschaft übernommen haben. Die menschliche Bevölkerung wird unterdrückt, muss Blut liefern und wird als billige Arbeitskraft ausgebeutet. Eine Widerstandsbewegung versucht, sich gegen die neuen Herrscher aufzulehnen. Auch unser Held Coen schliesst sich der Gruppe an. Bei einem Überfall auf eine Silbermine soll genügend Material beschafft werden, um Waffen gegen die Vampire herstellen zu können. Doch die Aktion endet in einer Katastrophe.

Ein Verräter liefert die Gruppe aus, zahlreiche Widerstandskämpfer werden getötet und Coens Familie gerät in Gefangenschaft. Sie soll innerhalb eines Monats bei einem Ritual geopfert werden. Coen selbst wird zum Vampir. Allerdings geht bei seiner Transformation etwas schief. Fortan besitzt er Nachts die Kräfte eines Vampirs, während er sich am Tag wieder in einen Menschen verwandelt und problemlos im Sonnenlicht bewegen kann.

Diese Besonderheit bildet eines der wichtigsten spielerischen Elemente von The Blood of Dawnwalker. Coen besitzt sowohl menschliche als auch vampirische Fähigkeiten und kann je nach Tageszeit unterschiedliche Möglichkeiten nutzen. Dadurch unterscheiden sich Tag und Nacht tatsächlich voneinander und sorgen spielerisch für zusätzliche Abwechslung. Aus klassischer Vampir Sicht wirkt dieser Ansatz allerdings etwas eigenartig, spielerisch funktioniert diese Entscheidung allerdings hervorragend.

Besonders überzeugend präsentiert sich The Blood of Dawnwalker beim Schreiben seiner Figuren und Geschichten. Die Welt ist brutal, dreckig und von Angst geprägt. Gleichzeitig schaffen es die Autoren immer wieder, kleinere humorvolle Momente einzubauen, ohne die bedrückende Atmosphäre zu zerstören. Eine frühe Nebenquest dreht sich beispielsweise um einen Mann, der sich selbst "der Tapfere" nennt und sich absichtlich von Vampiren gefangen nehmen lässt. Sein Plan besteht darin, eine komplette Festung voller Gefangener zu befreien und dadurch die Aufmerksamkeit des Widerstands auf sich zu ziehen. Völliger Wahnsinn, aber gerade deshalb herrlich unterhaltsam. Solche Geschichten sorgen dafür, dass die Welt deutlich lebendiger wirkt als viele klassische Open World Kulissen.

Eine der interessantesten Ideen betrifft den Umgang mit Zeit. Coen besitzt genau 30 Tage und Nächte, um seine Familie zu retten. Allerdings läuft im Hintergrund keine klassische Echtzeituhr. Stattdessen werden Tag und Nacht jeweils in acht Runden aufgeteilt. Die offene Welt kann grundsätzlich frei erkundet werden. Bestimmte Aktionen kosten allerdings Zeit. Kämpfe, besondere Erkundungen oder das Erlernen mächtiger Fähigkeiten verbrauchen einzelne Runden. Sind alle acht Runden aufgebraucht, wechselt der Tag zur Nacht beziehungsweise die Nacht zum nächsten Tag. Und damit rückt Coens Familie ihrem Schicksal wieder einen Schritt näher.

Dieses System erzeugt einen enorm interessanten Entscheidungsdruck. Schon früh wird klar, dass niemals genügend Zeit vorhanden ist, um sämtliche Aufgaben zu erledigen. Man muss Prioritäten setzen. Hilft man einem Dorf? Verfolgt man einen gefährlichen Vampir? Oder konzentriert man sich ausschliesslich darauf, die eigene Familie zu retten? Manchmal bedeutet eine Entscheidung zwangsläufig, andere Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Es sind Entscheidungen mit Konsequenzen, die Komplettisten vermutlich vor den Kopf stossen. Der Wiederspielwert ist dadurch jedoch enorm.

Zusätzlich wird Coen immer wieder mit moralischen Fragen konfrontiert. Besonders interessant ist dabei seine zunehmende Blutgier. Wie weit lässt man sich auf die vampirische Seite des Protagonisten ein? Welche Opfer ist man bereit zu bringen? Und welche Konsequenzen akzeptiert man dafür? The Blood of Dawnwalker präsentiert zahlreiche Entscheidungen, bei denen es keine offensichtlich richtige Antwort gibt. Einige Situationen erinnern beinahe an klassische moralische Gedankenexperimente und schaffen es tatsächlich, dass man gelegentlich innehält und über seine Entscheidung nachdenkt.

Grundsätzlich erfindet The Blood of Dawnwalker das moderne Rollenspiel natürlich nicht neu. Eine grosse offene Welt, zahlreiche Nebenquests, individuelle Geschichten und weitreichende Entscheidungen erinnern unverkennbar an The Witcher 3. Kein Wunder, denn mehrere Entwickler von Rebel Wolves haben zuvor bei CD Projekt Red gearbeitet und ihre Erfahrungen offensichtlich mitgebracht. Entscheidend ist jedoch, wie viel Freiheit das Spiel tatsächlich bietet. Viele Quests können verpasst werden. Manche Geschichten erlebt man womöglich überhaupt nicht. Andere Entscheidungen verändern wiederum den Verlauf einzelner Ereignisse erheblich. Dadurch soll jeder Spieler seine eigene Version von Coens Geschichte erleben. Das eigentliche Endziel bleibt zwar bestehen, der Weg dorthin kann jedoch ausgesprochen unterschiedlich verlaufen.

Kurioserweise gehören ausgerechnet die ersten rund zehn Stunden zu den schwierigsten Abschnitten des Spiels. Vor allem das Kampfsystem sorgt während dieser Zeit für Ernüchterung. Das Grundprinzip erinnert ein wenig an Kingdom Come: Deliverance. Gegner attackieren aus verschiedenen Richtungen, während Coen Angriffe entsprechend blocken oder ihnen ausweichen muss, um anschliessend mit einem Konter zurückzuschlagen. Im klassischen Duell funktioniert das ziemlich gut, aber sobald mehrere Gegner gleichzeitig auf Coen losgehen, wird die Angelegenheit schnell chaotisch. Attacken kommen aus allen Richtungen, die Kamera zickt, die automatische Zielerfassung springt manchmal zwischen Gegnern hin und her und gelegentlich bleibt die Spielfigur an Bäumen, Karren oder anderen Objekten hängen. Gerade weil das Kampfsystem Präzision verlangt, können solche Situationen ausgesprochen frustrierend werden. Mit zunehmendem Fortschritt verändert sich das allerdings deutlich. Neue Fähigkeiten ermöglichen eine bessere Kontrolle über Gruppen und eröffnen zusätzliche Möglichkeiten für offensive sowie defensive Spielweisen. Dadurch entwickelt sich das zunächst recht eingeschränkte System nach und nach zu einem überraschend vielseitigen Kampfsystem.
Fazit:
The Blood of Dawnwalker überzeugt vor allem mit seiner düsteren Welt, starken Geschichten und Entscheidungen, die tatsächlich Gewicht besitzen. Das ungewöhnliche Zeitsystem, das mich grundsätzlich an Capcom's Dead Rising Serie erinnerte, sorgt dafür, dass jede Aktivität gut überlegt sein will und man nie alles in einem einzigen Durchgang erlebt, was das Spiel zu bieten hat. Jede Entscheidung hat tatsächlich Gewicht und Konsequenzen. Komplettisten, die gerne jede Quest im ersten Durchgang erleben möchten, wird das womöglich ärgern. Das Kampfsystem braucht auch etwas Zeit, bis es seine Stärken ausspielt, und gerade die ersten Stunden können unnötig frustrierend sein. Wer diese Anfangsphase übersteht, bekommt jedoch ein atmosphärisches und überraschend eigenständiges Action-RPG, das deutlich erkennen lässt, welches Potenzial in Rebel Wolves steckt.

The Blood of Dawnwalker ist für PS5, Xbox Series X|S und PC erschienen. Wir haben das Spiel auf dem PC getestet. Unser Test-Muster haben wir uns selbst gekauft.








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