Gianluca Mautone: Der Aufstieg eines Schweizer E-Sportlers
- Simon Martella
- vor 26 Minuten
- 6 Min. Lesezeit
London, wir befinden uns im Twickenham Stadium, es ist das Viertelfinale. Es ist kein Showmatch, also kein Nebenschauplatz. Für Gianluca Mautone ist es der Moment, auf den alles hinausgelaufen ist. Als erster Schweizer hat er sich für das UEFA eEURO 2026-Turnier qualifiziert und trifft dort direkt auf den besten Spieler der Welt, der Däne Anders. Es geht nicht nur um ein Spiel. Es geht darum zu sehen, wo er im Vergleich zur Weltspitze wirklich steht. Dieses Match ist kein Bonus, sondern die Konsequenz aus Jahren harter Arbeit, oft ausserhalb des Rampenlichts des Schweizer E-Sports.

Gianluca hatte nie den klassischen Wunderkind-Status. In der Schweiz fehlten ihm die Strukturen, Vergleichswerte und eine stabile kompetitive Szene. Der Weg nach oben war kein Selbstläufer für ihn. In FIFA 22 galt er noch als ein Aussenseiter, einer von vielen. Mit FIFA 23 veränderte sich dieses Bild. Resultate wurden konstanter, Platzierungen wurden besser, Qualifikationen für grosse Turniere häuften sich. Kein viraler Clip, kein schneller Hype. Sondern jede Woche liefern, auch wenn kaum jemand zuschaut. Dieser Weg führte ihn 2022 erstmals in die Schweizer E-Football-Nationalmannschaft.

In der Schweiz konzentrierte sich der kompetitive E-Football ausschliesslich auf den FC Basel. Die Szene in der Schweiz ist klein, die Entwicklungen hier sind begrenzt. Um den nächsten Schritt zu machen, entschied sich Gianluca für den Wechsel zum SC Freiburg eFootball. Dort traf er auf klare Trainingsstrukturen, feste Abläufe und ein professionelles Umfeld. Der Schritt nach Deutschland war kein Bauchentscheid, sondern kalkuliert. In der Virtual Bundesliga und weiteren internationalen Club-Wettbewerben spielte er regelmässig gegen Topspieler. Es gab kein Glamour und keine Abkürzungen. Nur hartes Training, Vorbereitung und die Erkenntnis, dass Talent allein nicht reicht, wenn man oben bleiben will.
Trotz wachsender Anerkennung blieb der Weg ein steiniger. Einer seiner grössten Rückschläge war die verpasste Qualifikation für die Deutsche Einzelmeisterschaft im vergangenen Jahr. Kein kleiner Rückschlag, sondern ein Moment, der weh tat. Ihm wurde klar, dass Mitlaufen nicht genügt. Dass es mehr braucht, um sich auf diesem Niveau zu behaupten. Diese Phase spielte sich abseits der Öffentlichkeit ab. Still, ohne Schlagzeilen. Aber sie war entscheidend.

Wer Gianluca heute spielen sieht, erkennt eine klare spielerische Identität. Tempo. Hohe Geschwindigkeit, schnelle Entscheidungen, permanenter Druck. Er nimmt lieber ein offenes 5:5 in Kauf als ein kontrolliertes 1:1. Nicht aus Unruhe, sondern aus Überzeugung. Viele Gegner kommen mit diesem Rhythmus nicht zurecht. Seine Gegner versuchen gezielt, sein Spiel zu bremsen. Das zeigt, dass sein Stil Wirkung hat.

Im Viertelfinale gegen Anders, für viele der beste Spieler der Welt, zeigte Gianluca, dass er nicht auf Zufall setzt. Der Rückstand betrug immer wieder zwei oder mehr Tore. Trotzdem blieb er ruhig. Keine hektischen Angriffe, kein kopfloses Risiko. In Überzahl kam er dann noch einmal bis auf ein Tor heran. Der Druck wuchs, das Spiel kippte fast. In den letzten Minuten nutzte Anders seine Erfahrung, hielt den Ball, nahm Tempo raus und entschied das Match mit 7:6 für sich. Gianlucas Reaktion sagte viel über seinen Charakter und Respekt gegenüber seinen Gegnern. Kein Frust, keine grosse Geste. Ein kurzer Blick, tief durchatmen, weitermachen. Für ihn fühlte sich das nicht wie ein Ende an.

Mit seinem Auftritt hat Gianluca nicht nur sportlich überzeugt, sondern auch die Wahrnehmung des Schweizer E-Sports verschoben. Lange galt er als solider Spieler, nicht als grosser Name in sozialen Medien. Genau dieser leise Weg, das konstante Arbeiten an Details, macht ihn heute interessant. Sein Mindset hat sich deutlich verändert. Früher spielte er oft intuitiv. Heute trainiert er regelmässig mit Coach, fokussiert, mit klaren Zielen. Mental ist der grösste Schritt passiert. Gegentore sind kein Trigger mehr, sondern Ausgangspunkt für Analyse. Fehler erkennen, anpassen, weiterspielen. Das ist keine Gabe. Das ist antrainiert.

Der Weg von Gianluca war lang und von Rückschlägen geprägt. Genau das hat ihn auf die grosse Bühne vorbereitet. Die Teilnahme an der UEFA eEURO 2026, das Erreichen der Top 8 und das enge Spiel gegen Anders zeigen, dass er mehr ist als ein weiterer Teilnehmer. Er steht für eine neue Phase des Schweizer E-Sports, in der man nicht nur dabei ist, sondern konkurrenzfähig.

London markiert keinen Abschluss. Es ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal war der Schweizer E-Sport auf dieser Ebene sichtbar. Gianluca Mautone steht exemplarisch für das, was möglich ist, wenn Struktur, Arbeit und Selbstkontrolle zusammenkommen. Was dabei oft übersehen wird, ist der Alltag. EA FC ist für ein Schweizer der in der Schweiz lebt, kein Vollzeitjob. Gianluca arbeitet Teilzeit in einer Versicherung, drei Tage pro Woche. Arbeit von 7:00 bis 16:00 Uhr. Training am Abend zwei Stunden. Dazwischen bleibt also nur wenig Raum für Familie, Freunde oder Pausen. Er nimmt sich aber bewusst die Zeit dafür.
Es gab Momente, in denen er überlegte, ob dieser Weg den Aufwand rechtfertigt. Sein Antrieb ist einfach. Er will später nicht zurückblicken und sagen, dass er es nicht versucht hat. Und genau deshalb war London kein Schlusspunkt. Sondern ein Anfang, den man ernst nehmen muss.
Interview mit Gianluca Mautone:

The(G)net: Wenn du heute zurückschaust: Wann hast du selbst gemerkt, dass du nicht nur spielst, sondern konkurrenzfähig bist auf einem anderen Level als der Durchschnitt?
Gianluca: Als ich mich für die eChampions League in FIFA 23 völlig überraschend qualifiziert habe, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass ich hier sehr viel Potenzial habe.
The(G)net: Viele sehen jetzt nur die UEFA eEURO. Was waren die entscheidenden Stationen davor, die dich geformt haben als Spieler, auch die Rückschläge?
Gianluca: Entscheidend war mein Schritt in die VBL (Virtual Bundesliga) zum SC Freiburg, welche mich als Spieler geformt und mich mit professionellem Training gefördert haben. Einer meiner grössten Rückschläge war, dass ich mich nicht für die letztjährige Deutsche Einzelmeisterschaft qualifizieren konnte. Nach diesem Turnier wusste ich, dass ich wieder mehr machen muss um oben mitzuspielen.
The(G)net: Gab es einen Moment in deiner Karriere, wo du kurz davor warst aufzuhören oder alles infrage gestellt hast? Wenn ja, was hat dich trotzdem weitermachen lassen?
Gianluca: Ja, es gab viele Momente, vor allem aus privaten Gründen. Zum Beispiel um mehr Zeit zu haben für die Familie oder Freunde, jedoch möchte ich nicht am Ende meiner Karriere zurückschauen und sagen, dass ich mein Potenzial nicht voll ausgeschöpft habe. Das ist mein Antrieb.
The(G)net: Wie hat sich dein Mindset über die Jahre verändert? Vom Zocken aus Spass hin zu strukturiertem, kompetitivem Spielen?
Gianluca: Mein Mindset hat sich verändert, anfangs habe ich einfach nur drauf los gespielt, ohne viel zu überlegen, nun habe ich regelmässiges Training mit meinem Coach und trainiere nur mit voller Konzentration. Ich habe mich auch mental verbessert, inzwischen raste ich so gut wie nie aus und probiere bei Gegentoren immer meine Fehler zu erkennen und mich so zu verbessern.
The(G)net: Was unterscheidet dich spielerisch von anderen Topspielern? Nicht was gut klingt, sondern was du selbst bewusst anders machst?
Gianluca: Ich spiele sehr schnell, ein hohes Tempo. Ich mag es gar nicht langweilig zu spielen. Mein Gedanke ist, lieber ein 5:5 zu spielen als ein 1:1. Viele Gegner, auch Topspieler kommen mit dem Tempo nicht klar oder probieren bewusst mein Spiel zu stören, indem sie selbst das Tempo so gut wie möglich verlangsamen.
The(G)net: Beim Spiel gegen Anders hat man gesehen, wie brutal Erfahrung auf diesem Niveau sein kann. Was hast du aus genau diesem Match für deine Zukunft gelernt?
Gianluca: Anders macht halt so gut wie immer alles richtig, er hat eine Entscheidungsfindung die unglaublich ist, deshalb ist er auch der beste Spieler aller Zeiten. Ich habe tatsächlich schon unser Spiel analysiert und versuche in Zukunft vor allem mehr darauf zu achten, die richtige Entscheidung zu treffen. Was bietet mir der Gegner an? Und wie kann ich die Situation zu meinem Vorteil nutzen?
The(G)net: Wie gehst du mit Druck um, gerade wenn du weisst, dass du plötzlich nicht nur für dich spielst, sondern auch als erstes Aushängeschild für die Schweiz?
Gianluca: Ich mache mir gerne Druck, um mich mehr zu fokussieren und auf mein höchstes Level zu kommen. Aus meiner Sicht ist Druck und Anspannung ein Gefühl, welches man zum Vorteil nutzen kann. Der Drück lässt mich in meinen Flow State kommen, mit vollem Fokus.
The(G)net: Was war rückblickend dein grösster Fehler in deiner bisherigen Laufbahn und was hat er dich wirklich gelehrt?
Gianluca: Mein grösster Fehler war es, mich nicht richtig für mein dazumal grösstes Turnier, die eChampions League 2023, vorzubereiten. Ich habe richtig gemerkt, wie ich noch nicht auf dem Level der Gegner bin und eine Teilschuld dazu trage ich auch, da ich dachte, ich kann einfach alles so wie immer machen und irgendwie funktioniert es schon. Ich habe durch dieses Turnier sehr viel lernen können.
The(G)net: Wie sieht dein Alltag heute aus zwischen Training, Competition und Privatleben? Und was davon würde man als Aussenstehender komplett unterschätzen?
Gianluca: Man unterschätzt definitiv wie gross der Zeitaufwand in der Saisonphase ist. Als Schweizer ist es leider nicht möglich das Spielen als Vollzeitjob zu haben. Ich bin in einer Versicherung teilzeitbeschäftigt für 3 Tage in der Woche. Ich probiere jedes mal die echte Arbeit mit EA FC Training sowie Privatleben zu verbinden. Mein typischer Alltag ist deshalb, in der Versicherung zu Arbeiten von 7:00 bis 16:00 Uhr, anschliessend von 17:00 bis 19:00 Uhr Training, um danach noch ungefähr eins bis zwei Stunden für Freunde, meine Freundin oder auch mich selbst zu haben.
The(G)net: Wenn du einem jüngeren Gianluca einen Rat geben könntest, was wäre das genau?
Gianluca: Unterschätze dich nicht und vertraue auf dich selbst. Da ich früher oftmals das Gefühl hatte, es wird eh nichts und für was investiere ich so viel Zeit rein, würde ich das zu mir selbst sagen.







