The(G)net Review: Gears of War: E-Day
Es gibt Fortsetzungen, bei denen man bereits nach wenigen Minuten merkt, dass hier etwas verloren gegangen ist. Und es gibt Fortsetzungen, die einen daran erinnern, warum man sich ursprünglich überhaupt in eine Serie verliebt hat. Gears of War: E-Day gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

The Coalition dreht die Zeit zurück und nimmt uns mit zum wohl wichtigsten Moment der gesamten Gears Geschichte: dem sogenannten Emergence Day. Die Handlung spielt 14 Jahre vor dem ersten Gears of War. Marcus Fenix und Dominic Santiago sind wieder gemeinsam unterwegs, die Locust kriechen erstmals aus dem Boden und eine Gesellschaft, die gerade erst einen jahrzehntelangen Krieg hinter sich hat, wird innerhalb weniger Stunden erneut ins Chaos gestürzt. E-Day ist brutal, düster, emotional und stellenweise fast schon ein Horrorspiel. Wir erleben den Untergang praktisch aus der ersten Reihe.

Die Kampagne zeigt immer wieder, wie viel Zeit bis zum Emergence Day verbleibt beziehungsweise wie viele Stunden seit Beginn der Invasion vergangen sind. Dieses kleine erzählerische Detail funktioniert hervorragend, weil die Katastrophe dadurch tatsächlich wie ein fortlaufendes Ereignis wirkt. Strassen, Wohnungen und Stadtviertel, durch die wir zuvor noch relativ unbeschwert gelaufen sind, verwandeln sich Stück für Stück in die Ruinenlandschaften, die Fans aus den älteren Spielen kennen. Gerade diese langsame Transformation der Welt gehört zu den grossen Stärken von E-Day.

Natürlich lebt das Spiel auch von der Rückkehr seiner beiden bekanntesten Figuren. Marcus und Dom wieder gemeinsam kämpfen zu sehen, dürfte bei langjährigen Fans Hühnerhaut auslösen. Viele der besten Charakter Momente entstehen während des eigentlichen Spiels. Gespräche laufen während der Erkundung weiter, Figuren erzählen beiläufig von ihrer Vergangenheit und Beziehungen entwickeln sich, ohne dass dafür ständig eine Zwischensequenz gestartet werden muss. Nicht jede erzählerische Entscheidung funktioniert allerdings gleich gut. Gerade bei einigen wichtigen Entdeckungen rund um die Locust hätten Marcus und Dom stärker im Mittelpunkt stehen dürfen. Auch eine Nebenhandlung im späteren Verlauf wirkt deutlich schwächer als der Rest der Geschichte. Das sind jedoch Ausnahmen in einer insgesamt starken Kampagne.

Eine der grössten Überraschungen ist die Atmosphäre. Gears of War war ursprünglich wesentlich düsterer und bedrohlicher, als es in Teil 4 oder 5 der Fall war. E-Day geht back-to-roots. Die Locust werden nicht einfach als Kanonenfutter präsentiert. Sie sind Monster. Kreaturen, deren Fähigkeiten die Menschen noch überhaupt nicht verstehen und gegen die es zu Beginn kaum etablierte Strategien gibt. Das macht viele Begegnungen deutlich intensiver.

Neue Gegner wie die aggressiven Rushers stürmen beispielsweise direkt auf uns zu, überspringen Hindernisse und werfen uns zu Boden. Minutenlang bequem hinter derselben Deckung zu sitzen funktioniert da nicht. Auch die übrigen Gegner agieren angenehm offensiv. Sie versuchen Positionen aufzubrechen, setzen uns unter Druck und sorgen dafür, dass ständig priorisiert werden muss, welche Bedrohung zuerst ausgeschaltet wird. Vor allem wenn verschiedene Gegnertypen gleichzeitig auftauchen, entwickelt sich das klassische Deckungssystem wieder zu einem herrlich kontrollierten Chaos.

Und dann ist da natürlich das Herzstück von Gears of War. Das Ballern. E-Day besitzt vielleicht das beste Gunplay, das ich bislang in dieser Reihe erlebt habe. Jede Waffe besitzt Gewicht. Treffer fühlen sich brutal an. Locust reagieren glaubwürdig auf Einschläge und das Sounddesign sorgt dafür, dass bereits ein sauber gesetzter Kopfschuss mit dem Longshot ausgesprochen befriedigend klingt. Dazu kommen jede Menge Blut und Gedärme, zerberstende Deckungen, Explosionen und herumfliegende Trümmer. Wenn während eines Feuergefechts plötzlich eine komplette Situation eskaliert, fühlt sich Gears wieder genau so an, wie ich es in Erinnerung habe: schwer, brutal und kompromisslos.

Auch beim Waffenarsenal hat The Coalition nicht gespart. Klassiker treffen auf neue Spielzeuge wie den Breechshot, dessen integrierte Klinge wunderbar zum brachialen Nahkampf der Serie passt. Nicht jede Waffe überzeugt allerdings gleichermassen. Besonders der Gnasher wirkt gelegentlich etwas inkonsistent, wenn vermeintlich saubere Treffer nicht die erwartete Wirkung erzielen. Verglichen mit dem ansonsten hervorragenden Waffenfeedback bleibt das aber ein kleiner Kritikpunkt.

Vor der Veröffentlichung sorgten die erweiterten Bewegungsmöglichkeiten bei einigen Fans für Skepsis. Schliesslich gehört das schwere, fast schon behäbige Gefühl der Figuren seit jeher zur DNA von Gears. Doch die Befürchtungen waren unbegründet. Wir können nun springen, rutschen und deutlich flexibler durch die Umgebung navigieren. Dadurch entstehen vertikalere Kampfarenen und zusätzliche taktische Möglichkeiten. Entscheidend ist, dass wir dadurch nicht plötzlich wie ein Superheld durch die Levels hüpfen. Die Charaktere fühlen sich weiterhin schwer an. Bewegungen besitzen Masse und das Deckungssystem bleibt das Zentrum vieler Gefechte. The Coalition modernisiert das Spielgefühl, ohne daraus einen vollkommen anderen Shooter zu machen. Auch die frei drehbare Kamera klingt zunächst nach einer Kleinigkeit, verbessert die Erkundung aber spürbar.

Eine weitere interessante Neuerung ist das Perk- und Mod-System. In der Spielwelt versteckte Hard Cases enthalten Modifikationen für Waffen, Rüstungen und taktische Ausrüstung. Dadurch erhält die Erkundung einen echten spielerischen Zweck. Weiterhin können Waffen beispielsweise nach perfekten Nachladeaktionen zusätzlichen Schaden verursachen oder durch neue Komponenten präziser werden. Taktische Geräte erhalten ebenfalls zusätzliche Fähigkeiten. Besonders erfreulich ist dabei, dass E-Day trotzdem kein Looter-Shooter geworden ist. Wir sammeln nicht alle fünf Minuten eine neue Flinte mit drei Prozent mehr Schaden ein. Stattdessen verbessert man seine bevorzugte Ausrüstung schrittweise und passt sie dem eigenen Spielstil an. Gerade im Koop ist dieses System besonders interessant, da sich Spieler stärker auf unterschiedliche Rollen konzentrieren können. Lediglich die Freischaltung zusätzlicher Mod Plätze wird nicht immer besonders verständlich erklärt.

Etwas weniger überzeugend fällt die halboffene Struktur einiger Abschnitte aus. E-Day bleibt grundsätzlich ein lineares Actionspiel, öffnet seine Levels an bestimmten Stellen jedoch deutlich stärker. Dort kann man zusätzliche Gebäude betreten, Hard Cases suchen oder Side-Missions erledigen. Die besten Momente entstehen dabei ausgerechnet dann, wenn das Spiel nichts erklärt. Wenn irgendwo COG Soldaten gegen Locust kämpfen oder man zufällig auf Überlebende trifft, entsteht der Eindruck, dass dieser Krieg unabhängig von Marcus und seiner Einheit überall gleichzeitig stattfindet. Die meisten der Nebenaufgaben fühlen sich jedoch kaum mehr als zusätzliche Arenakämpfe an und passen nicht immer organisch in die Welt. Besonders seltsam wirkt es, wenn man mitten in einer Katastrophe erst einen Auftrag aktivieren muss, bevor die eigentliche Mission beginnt. Manche grösseren Bereiche wirken zwischen den Kämpfen etwas leer. Die offenen Gebiete sind deshalb nicht schlecht, erreichen aber qualitativ nicht das Niveau der linearen Hauptmissionen.

Technisch präsentiert sich E-Day erwartungsgemäss spektakulär. The Coalition versteht es hervorragend, gewaltige Actionsequenzen zu inszenieren. Gebäude brechen zusammen, Locust überrennen ganze Bereiche und überall explodiert irgendetwas. Besonders stark sind jene Momente, in denen solche Szenen nicht einfach als Filmsequenz abgespielt werden, sondern direkt ins Gameplay integriert sind. Noch beeindruckender sind allerdings oftmals die kleinen Details. Deckungen können während eines Gefechts beschädigt werden. Umgebungen verändern sich im Verlauf der Geschichte. Türen besitzen unterschiedliche Animationen und überall finden sich kleine visuelle Hinweise darauf, wie schnell Sera gerade auseinanderbricht. Auch die Missionsstruktur sorgt für Abwechslung. E-Day hat keine Angst davor, eine Mechanik nur für einen einzelnen Abschnitt einzuführen und danach wieder etwas vollkommen anderes zu machen. Das erinnert angenehm an eine Zeit, in der Actionspiele nicht jede Idee über zehn Stunden wiederholen mussten, nur weil sie einmal entwickelt wurde.

Ein besonderes Lob verdient ausserdem die akustische Präsentation. Schüsse donnern, Explosionen besitzen ordentlich Druck und das Kreischen der Locust vermittelt ständig das Gefühl, dass irgendwo noch etwas auf einen wartet. Der Soundtrack von Adam Lastiwka hält sich in ruhigeren Szenen angenehm zurück und lässt den Charakteren Raum. Wenn die Situation eskaliert, wachsen Musik, Waffenfeuer und Umgebungssound dagegen zu einer beeindruckenden Klangkulisse zusammen.
Hinweis: Der Multiplayer-Part konnte vor Release nicht getestet werden. Die Server werden erst zur Veröffentlichung online sein. Dieser Test bezieht sich lediglich auf den Singleplayer- bzw. KoOp-Part von Gears of War: E-Day.
Fazit:
Gears of War: E-Day ist genau die Rückkehr, die diese Serie gebraucht hat. The Coalition besinnt sich auf die Stärken der ursprünglichen Trilogie und kombiniert deren düstere Atmosphäre mit einem deutlich moderneren Spielgefühl. Die Locust sind wieder bedrohlich und vor allem die Schusswechsel gehören zum Besten, was die Reihe bislang geboten hat. Neue Bewegungsmöglichkeiten sowie das überraschend umfangreiche Mod-System erweitern die bekannte Formel, ohne Gears seiner Identität zu berauben. Nicht alles funktioniert perfekt. Die halboffenen Bereiche wirken teilweise leer, viele der Nebenmissionen sind langweilig und bei der Geschichte hätten Marcus und Dom in einigen entscheidenden Momenten stärker im Mittelpunkt stehen dürfen. Doch diese Schwächen ändern wenig daran, dass E-Day ein enorm starkes Comeback geworden ist. Nach Gears 4 und Gears 5 fühlt sich dieses Spiel wieder wesentlich näher an jener Reihe an, die mich damals auf der Xbox 360 so begeistert hat. Brutal, dreckig, emotional und mit einem Gunplay, das einfach unglaublich viel Spass macht.

Gears of War: E-Day ist PC und XBOX Series erhältlich. Wir haben das Spiel auf dem PC und der XBOX Series X getestet. Unser Test-Muster stammt von Microsoft, wofür wir uns herzlich bedanken!








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