The(G)net Review: Ghost of Tsushima

Der Zyklus der PS4 neigt sich dem Ende zu. Als letzter grosser Exklusivtitel beendet Ghost of Tsushima Sonys erfolgreiche Current Gen Ära. Aber kann sich Samurai Sakai auch durch unsere Herzen schnetzeln?



Die Zukunft sieht wieder einmal düster aus. Mongolenhorden haben die Insel Tsushima überrannt. Verwüstungen, Folter, Unterdrückung, Mord und Plünderungen gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft. Die Inselbevölkerung fürchtet die Grausamkeiten der Mongolen und ein normales Leben zu führen scheint unmöglich. Bis auf unseren Helden Jin Sakai wurden sämtliche Samurais getötet. Und natürlich liegt jetzt die ganze Hoffnung auf unserem fernöstlichen Katanaschwinger.



Leider ist Sakai alles andere als ein erfahrener Samurai, zumindest zu Beginn. Zwar weiss er, wie man eine Klinge führt, aber sein Basis-Skillset ist anfangs sehr begrenzt. Also relativ schlechte Startanforderungen, wenn man alleine gegen übermächtige Invasoren antritt. Dank der loyalen Bevölkerung erlernt unser Nipponschnetzler im Laufe des Spieles aber eine weit gefächerte Bandbreite an Fähigkeiten und kriegt auch noch einen Gaul gestellt.



Wie in jedem "anständigen" Open World Spiel reitet ihr von Ort zu Ort und erledigt allerlei Aufgaben. Dabei ist die Insel in drei Bereiche unterteilt, die nach und nach freigeschalten werden. Ihr dürft euch aber stets im aktuellen Inselbereich frei bewegen. Ob ihr heisse Quellen sucht, versteckte Schreine aufspürt oder eure Fähigkeiten trainiert, wie und in welcher Reihenfolge ihr es macht, ist euch überlassen.



Unser Befreiungskämpfer nutzt auch die Natur zu seinem Vorteil. Füchse und goldene Vögel führen uns nach kurzen Plattformsequenzen an geheime Orte, die uns stets mit irgendeinem Item oder Upgradepunkt beschenken. Damit sich Sakai auf der weitläufigen Insel nicht verirrt, nutzt er den Wind als Kompass. Mit einem Wisch über das Touchpad weisen euch Windböen in die korrekte Richtung. Eine klassische Minimap existiert nicht. Ihr könnt aber bei totaler Verwirrung im Menu die detaillierte Inselkarte konsultieren, mit deren Hilfe ihr auch in entdeckte Gebiete per Fasttravel zurück reist.



Des öfteren wird unser Samurai in gefährliche Keilereien mit den Mongolen verwickelt. Sakai greift dabei komplett aufgelevelt auf 4 unterschiedliche Angriffsarten zurück, die jeweils besonders effektiv gegen einen bestimmten Gegnertyp sind. Mit Hilfe von Pfeil und Bogen holt er Schützen von den Dächern und schmeisst mit Kunais, Rauch-Bomben und Haft-Granaten um sich. Je aggressiver und erfolgreicher er agiert, umso schneller füllen sich die Entschlossenheitspunkte auf, mit denen Sakai sich heilt oder sie in verheerende Spezialattacken investiert.



Aufgelevelt wird mit automatischen XP, die euch regelmässig mit Technikpunkten versorgen, die dann in Upgrades für Kampfstile, Abwehr, Angriff etc. umgetauscht werden. Gefundene Talismane erhöhen gewisse Statuswerte und jedes neue Outfit oder Rüstung verfügt über spezielle Vorteile, die sich komplett unterscheiden und von den gängigen Punktesystemen abweichen.



Auf der ganzen Insel ist zahlreicher Loot verteilt. Blumen tauscht man gegen neue Ausrüstungsfarben, Kleidungsstücke, Metalle oder Garne und Vorräte verbessern beim Schmied die Schlagkraft des Katanas oder Pfeilbogens. Mit Fellen von zuvor erlegten Tieren erhöhen wir die Anzahl unserer Sekundärwaffen. Sogar über einen Greifhaken verfügt unser Ninja-Samurai - aber Sakai ist nicht Sekiro - in GoT schwingt es sich viel gemächlicher. Ghost of Tsushima verfügt über so viele Details, Spielmechaniken, Waffenoptionen und Nebenquests, dass Trödler locker 60 Stunden bis zum Ende investieren, während fixere Samurais ungefähr 20 für die reine Hauptstory benötigen.



Fazit Armin:

Vor mir stehen knapp ein Dutzend Mongolen. Die ersten drei putze ich mit eiserner Gelassenheit weg, 2 Kunais auf die nächsten Gegner, sie taumeln und mit präzisen Schnitzer schicke ich sie in die ewigen Jagdgründe. Ein hünenhafter Keulenschwinger will mir ans Leder, kurz den Tanz des Feuers aktiviert und wieder einer weniger. Ich rolle und verschiesse ein paar Haftgranaten, 3 weitere Mongolen fallen. Ich hechte ins hohe Gras und warte. Der Gegner verliert meine Spur. Von hinten meuchle ich einen Speerkämpfer nieder. Kurz eine Rauchbombe gezündet, verwirre ich den Rest und säble mich wie ein Geist durch die ahnungslosen Fieslinge. Wer die komplexe Steuerung von GoT meistern, legt hollywoodmässige Action Choreografien hin. Sakai verfügt über soviele Angriffsoptionen, dass stets neue Taktiken ausprobiert werden können und es wird nicht langweilig. Sucker Punchs Samuraidrama bietet grafisch Titeln wie God of War, Red Dead Redemption 2 oder The Last of Us 2 die Stirn und hängt in Sachen Athmosphäre die Konkurrenz sogar ab. Ständig staunt man über die malerische Kulisse und die Detailfreude. Alles kommt sehr organisch und mit der perfekten Sounduntermalung rüber. Der pure Wahnsinn was die PS4 hier leistet. Eigentlich langweilt mich das ganze Rumgereite, die Idee ist langsam ausgelutscht. Aber Sucker Punch hat das beste Pferd im Stall und der Vierbeiner steuert sich ohne grosse Mätzchen. Obwohl ich nicht der grösste Openworldfan bin, verlor ich mich in den ersten Stunden in Nebenmissionen und knackte erst nach 20 Stunden den ersten Akt. Weils einfach Spass machte und die ganzen Stories liebevoll inszeniert sind. So angefressen war ich selten von einem Game dieser Grösse. Ich fass mich kurz; Spiel des Jahres? ... oder reisst Cyberpunk 2077 die Krone an sich?


Fazit Sascha:

Potz Holzöpfel und Zipfelchappe! Wer mich kennt weiss: Ich liebe das feudale Japan, Samurais und Ninjas. Ich mag es aber lieber traditionell, sprich "realistisch" und kann gerne auf Magie, Dämonen, Fabelwesen und einen stressig hohen Schwierigkeitsgrad verzichten (Wink in Richtung Sekiro und Nioh). Sehr lange musste ich auf ein Spiel warten, dass genau diesen Hunger stillt und darum freue ich mich umso mehr, dass es mit Ghost of Tsushima endlich wieder soweit ist! Seit Tenchu (zu guten, alten PS2-Zeiten) hatte ich nicht mehr soviel Spass mit einem "Japan-Spiel". Und seit Witcher 3 hat mich keine Open-World mehr so sehr in seinen Bann gezogen. Die Rache-Story ist packend erzählt, aber eher flach. Auch die KI hat manchmal krasse Aussetzer. Und ja, vieles innerhalb der riesigen Spielewelt ist Genre-bedingt Copy/Paste und kann repetitiv werden. Alles Mankos, die ich in diesem Fall mit einem Lächeln abkzeptiere. Denn Ghost of Tsushima hat in allen anderen Belangen meine Erwartungen weit übertroffen. Neben der extrem stylischen Präsentation (wahnsinns Optik, sensationeller Soundtrack) ist es vor allem das gelungene Kampfsystem, das mich hoch motiviert von einer Konfrontation zu nächsten treibt. Das Gameplay glänzt vor allem dann, wenn ich meine Ninja-Skillz vernachlässige und mich als ehrenhafter Samurai erhobenen Hauptes gleich mehreren Gegnern gleichzeitig stelle. Selten hat sich (japanischer) Schwertkampf so gut angefühlt. Die Liebe zu selbst kleinsten Details und die schiere Authenzität, wenn es ums alte Japan und dessen Traditionen geht, ist das Sahnehäubchen auf dem Schnetzelkuchen. Mit Ghost of Tsushima gehört Sucker Punch ab sofort zur A-Liga der Spiele-Entwickler und ich kann es kaum erwarten zu sehen, was die Leute dort als nächstes abliefern. Chapeau!



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