The(G)net Review: Halloween: The Game
Michael Myers gehört zu den grossen Ikonen des Horrorkinos. Mit Halloween: The Game versucht IllFonic nun, John Carpenters Klassiker von 1978 nicht einfach nur als asymmetrisches Mehrspielerspiel umzusetzen, sondern dessen Atmosphäre, Szenen und Figuren möglichst originalgetreu auf den Bildschirm zu übertragen. Wir haben uns den Solo- und Multiplayer-Teil genauer angesehen.

Schon während der ersten Minuten wird deutlich, mit welchem Respekt IllFonic an das Original herangegangen ist. Zahlreiche Cutscenes wurden beinahe exakt aus dem Film übernommen. Dialoge, Kameraperspektiven und bekannte Szenen dürften Fans sofort wiedererkennen. Das beginnt bereits mit der berühmten Eröffnung aus dem Jahr 1963. Als junger Michael setzt ihr die Clownsmaske auf und erlebt den Mord an Judith Myers aus nächster Nähe. Später folgt Michaels Flucht aus dem Sanatorium, inklusive Dr. Loomis und Nurse Chambers. Halloween: The Game versucht gar nicht erst, das Original neu zu interpretieren, sondern möchte euch regelrecht in den Film hineinversetzen.
Das Herzstück für Einzelspieler bildet eine rund 2-stündige Kampagne (die auch OFFLINE gespielt werden kann) bestehend aus einem Prolog und fünf Kapiteln. Ihr übernehmt dabei die Kontrolle über Michael und erlebt Teile jener Nacht, die später als "The Night He Came Home" bekannt wurde. Interessant ist dabei vor allem, dass das Spiel einige Lücken des Films mit Szenen aus Michaels Perspektive füllt. Ihr streift durch Haddonfield, besucht bekannte Orte und erlebt unter anderem, wie Michael an seine berühmte Maske gelangt. Schritt für Schritt lernt ihr, wie ihr eure Opfer verfolgt, euch durch die Umgebung bewegt und unterschiedliche Fähigkeiten effektiv einsetzt. Was zunächst nach einem verlängerten Tutorial klingt, funktioniert überraschend gut als eigenständige Solo-Erfahrung. Zusätzliche Challenges sorgen dafür, dass sich einzelne Kapitel mehrfach spielen lassen. Dafür winken unter anderem kosmetische Belohnungen.

Wer sämtliche Aufgaben eines Kapitels erledigen möchte, kommt um mehrere Durchgänge kaum herum. Da die einzelnen Abschnitte vergleichsweise kurz ausfallen, hält sich der Leerlauf jedoch in Grenzen. Interessanterweise funktioniert die Solo-Kampagne deshalb besser, als man es von einem blossen Trainingsmodus erwarten würde. Gleichzeitig bereitet sie euch sehr effektiv auf den eigentlichen Schwerpunkt von Halloween: The Game vor: Den Multiplayer-Modus.

Im Multiplayer tritt Michael gegen vier menschliche Mitspieler an. Das klingt zunächst nach dem bekannten Prinzip anderer asymmetrischer Horrorspiele, doch Halloween erweitert diese Formel um zahlreiche NPC Bewohner. Als Zivilist versucht ihr deshalb nicht nur selbst zu entkommen. Ihr könnt auch Bewohner retten, sie verstecken, ihnen Waffen geben oder sie beispielsweise zur Polizei schicken. Genau dadurch entsteht ein angenehm dynamischer, eigenständiger Spielfluss.

Ihr sucht nach Bolzenschneidern, Reparaturwerkzeug, Benzin und Autoschlüsseln, organisiert Fluchtmöglichkeiten oder versucht, Michael gemeinsam zurückzudrängen. Mit Ziegelsteinen, Baseballschlägern und anderen Waffen könnt ihr Michael zumindest kurzfristig ausser Gefecht setzen. Töten lässt er sich natürlich nicht, doch manchmal reichen wenige Sekunden Vorsprung bereits aus, um dem eigenen Tod zu entkommen. Besonders gemeinsam mit einer gut organisierten Gruppe können daraus herrlich chaotische Horrorfilmmomente entstehen.

Das grosse Problem ist allerdings die stark schwankende Qualität der Matches. Eine Runde dauert bis zu 20 Minuten. Mit einer eingespielten Gruppe kann diese Zeit wie im Flug vergehen. Gerät man hingegen an einen Michael Spieler, der sämtliche Karten, Fluchtwege und Verstecke kennt, verwandelt sich Haddonfield schnell in ein Schlachthaus. Das würde grundsätzlich zum Spiel passen. Problematischer wird es, wenn ihr früh sterbt. Denn euer Match ist damit nicht zwingend vorbei. Unter bestimmten Umständen könnt ihr später als Polizist oder sogar als Dr. Loomis zurückkehren.

Bis dahin müsst ihr jedoch Minispiele absolvieren. Diese bestehen hauptsächlich aus einfachen Geschicklichkeitsprüfungen und nutzen sich schnell ab. Im schlechtesten Fall verbringt ihr einen beträchtlichen Teil der Runde damit, auf eure Rückkehr zu warten. Und ob diese überhaupt stattfindet, scheint zudem nicht immer garantiert zu sein. Die Zusammenstellung der Fähigkeiten könnte komfortabler ausfallen. Sobald ihr einer Lobby beigetreten seid, seid ihr an das gewählte Loadout gebunden. Gerade bei mehreren Partien mit derselben Gruppe wäre es sinnvoll, Fähigkeiten direkt in der Lobby wechseln zu können.

Bei der Charakterentwicklung bietet Halloween: The Game überraschend viele Möglichkeiten. Jeder Zivilist besitzt eigene Werte und Eigenschaften, die unterschiedliche Spielweisen unterstützen. Dazu kommen kosmetische Anpassungen sowie verschiedene Startgegenstände. Das Ganze basiert auf einem Kartensystem. Über ein Deck schaltet ihr zufällig verschiedene Boni frei, die anschliessend verbessert oder zerlegt werden können. Insgesamt können bis zu 30 Karten gesammelt werden, während maximal 15 gleichzeitig aktiv sind. Dadurch entstehen verschiedene Builds und Spezialisierungen. Wer mehrere hochstufige Decks zusammenstellen möchte, muss allerdings sorgfältig mit seinen Punkten umgehen. Die Zufallskomponente dürfte ebenfalls nicht jedem gefallen. Wer gezielt nach einer bestimmten Fähigkeit sucht, erhält diese möglicherweise nicht sofort. Grundsätzlich besitzt das System aber genügend Tiefe, um längerfristig unterschiedliche Kombinationen auszuprobieren.

Weniger gelungen ist die Einführung auf Seiten der Zivilisten. Während die Kampagne Michaels Fähigkeiten ausführlich erklärt, werden Überlebende direkt ins kalte Wasser geworfen. Besonders bei den Startgegenständen fehlen teilweise wichtige Informationen. Ein Reparaturkit klingt beispielsweise selbsterklärend, doch das Spiel informiert nur unzureichend darüber, dass ihr damit ein Fahrzeug reparieren könnt und dafür zusätzlich Benzin sowie einen Schlüssel benötigt. Viele Mechaniken erschliessen sich erst nach mehreren Partien. Ein kleines Tutorial oder ausführlichere Beschreibungen hätten hier enorm geholfen.

Technisch zeigte die getestete PC-Version noch einige Schwächen. Gelegentlich wurden Teile der Umgebung verspätet geladen. Ruckler blieben selbst bei unserem High-End System nicht aus. Figuren konnten an Stellen gelangen, an denen sie eigentlich nichts verloren hatten, und einmal blieb ein Charakter sogar in einer wiederholten Animation beim Öffnen eines Schlosses hängen. Besonders kurios war eine Partie, in der Michael ausserhalb des vorgesehenen Kartenbereichs feststeckte. Für die Überlebenden bedeutete das zwar einige vergleichsweise entspannte Minuten, für ein Spiel dieser Art ist ein solcher Fehler allerdings verheerend. Aber bei einem Spiel dieser Art gehören ständige Korrekturen und Verbesserungen ja zur Tagesordnung. Darum ist schwer anzunehmen, dass diese Probleme bald der Vergangenheit angehören.
Fazit:
Halloween: The Game ist vor allem eines: eine bemerkenswert liebevolle Hommage an John Carpenters Horror Klassiker. Die Solo Kampagne fällt mit rund zwei Stunden allerdings sehr kurz aus und entfaltet ihren Reiz erst dann vollständig, wenn ihr Kapitel mehrfach spielt, Wertungen verbessert und zusätzliche Aufgaben abschliesst. Dazu kommen eine teilweise schwache künstliche Intelligenz, technische Macken und etwas schwerfällige Abläufe. Für Single Player kann ich das Spiel daher nur bedingt empfehlen. Der Multiplayer besitzt dagegen starke Ideen. Die Möglichkeit, NPC Bewohner von Haddonfield zu retten, gemeinsam gegen Michael vorzugehen und nach dem Tod teilweise als Polizist oder Dr. Loomis zurückzukehren, hebt das Spiel angenehm von bekannten Genrevertretern ab. Allerdings fehlt noch der Feinschliff. Die Qualität der Mehrspielerpartien schwankt stark, die Minispiele nach dem Tod werden schnell monoton und vor allem Neueinsteiger erhalten deutlich zu wenig Unterstützung. Hinzu kommen technische Probleme und fehlende Komfortfunktionen. Trotzdem; IllFonic versteht Michael Myers und behandelt die Vorlage mit erstaunlicher Sorgfalt. Wenn die Mängel beseitigt und einzelne Mechaniken weiter verbessert werden, könnte Halloween: The Game zu einem echten Fest für Fans des Kultkillers werden.

Halloween: The Game ist für PC, PS5 und Xbox Series X|S erhältlich. Wir haben das Spiel auf dem PC getestet. Unser Test-Muster stammt von Illfonic, wofür wir uns herzlich bedanken!








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