The(G)net Review: Marathon
- Armin Medic

- 24. März
- 6 Min. Lesezeit
Halo. Destiny. Bungie. Drei Schlagworte, die bei den meisten Shooter-Fans nostalgische Gefühle hervorrufen. Spulen wir vorwärts in die Gegenwart. Nach Aushändigung von 3,6 Milliarden US Dollar ist das legendäre Studio mittlerweile im Besitz von Branchen-Gigant Sony. Statt mit einer Story-Kampagne versucht man uns diesmal jedoch das PvPvE-Extraktions-Genre schmackhaft zu machen.

Wir schreiben das Jahr 2893, Die Menschheit existiert noch und auch die Wirtschaft brummt wie gewohnt. Die interstellare Raumfahrt ist in vollem Gange. Als ein Notruf eines entfernten Planeten namens Tau Ceti IV die Erde erreicht, bimmeln alle Alarmglocken. Der Kontakt zur Kolonie ist abgebrochen, niemand antwortet und die Milliarden teuren Investitionen liegen brach. Um eine schnelle Lösung zu finden, entscheiden sich die sechs unterschiedlichen Fraktionen der Erde kurzerhand zusammenzuarbeiten, um die Vorkommnisse auf Tau Ceti IV aufzuklären.

Das alles kommt aber nicht aus humanitären Gründen zustande, denn die Interessen liegen wie immer auf der finanziellen Seite, da sich haufenweise Technologie, Artefakte und Ressourcen auf dem Planeten finden lassen. Dass das obere Management nicht selbst ihre Hintern hochkriegt, muss nicht weiter erläutert werden. Und da kommen wir ins Spiel. Als "Runner" übernehmen wir die Aufgabe, auf dem Planeten nach dem Rechten zu sehen. Um Reisezeit und Ressourcen zu sparen bleiben wir auf der Erde, schicken aber unsere internen Daten zum Zielpunkt, wo sie in eine "Shell" bzw. einen Avatar wandern, den wir bis zum Tode durch die gefährlichen Abschnitte steuern.

Bevor wir uns ins Gefecht stürzen, suchen wir also unseren Runner-Shell aus. Die 7 unterschiedlichen Avatare (Destroyer, Thief, Vandal, Triage, Recon, Assassin und Rook) verfügen über spezifische Fähigkeiten, wie man es von anderen Team Shootern schon kennt. Der Destroyer z.B. packt ein Schutzschild aus und steckt dank dicker Rüstung mehr Treffer ein, kommt aber schneller aus der Puste als der Rest. Bungie hielt es anscheinend für eine gute Idee, den Sprint und Slide mit einer Ausdauerleiste zu verbinden. Als Heiler mit Medizin Drohne regenerieren wir und dem Rest des Teams verlorene Lebenskraft. Der Assassin macht sich kurz unsichtbar und pirscht sich so lautlos an die gegnerischen Runner oder NPC-Gegner ran.

Während die ersten sechs Shells wild im Dreierteam gemixt werden dürfen, steht The Rook exklusiv für Einzelgänger zur Verfügung. Mit vorgegebenem Loadout ziehen wir solo durch die Gegend, hoffen auf wertvolle Beute und versuchen uns möglichst aus wilden Feuergefechten rauszuhalten. Unsere Aufgabe ist relativ einfach: Nachdem wir unser Loadout aus Knarren, Consumables, Upgrade Chips und Cyber Buffs im Vault zurechtgelegt haben, entscheiden wir uns für eine der drei ersten verfügbaren Maps. Wir starten im Beginner freundlichen Perimeter, der uns mit satten Farben und futuristischem Look begrüsst.

Im Dreierteam entscheiden wir uns auf der Ingame Map für die nächste Gebäude Ansammlung und setzen einen Pin auf die Karte. Einmal angekommen, looten wir jede Kiste, jeden Schrank, jede Truhe, die unseren Weg kreuzt. Neue Waffen, Munition und andere wichtige Items wandern ins Inventar. Aber aufgepasst, wer zu viel einsteckt, hat bald seinen Rucksack voll. Item Management gehört dazu. Das Problem lösen wir entweder mit Item Drops oder hoffen, dass wir auf einen grösseren Rucksack stossen, der das Inventar erhöht.

Nach ein paar Minuten Plündern melden sich die ersten Gegner, die fehlgesteuerten UESC-Roboter. Mit dicken Wummen und agilen Ausweich-Manövern unterscheiden sich die Mieslinge vom normalen NPC-Kanonenfutter der Konkurrenz. Ein kleiner Tipp am Rande: Bevor ihr bei Sichtkontakt direkt die Knarre zückt, pingt den Gegner zuerst per Digikreuz an, damit auch eure Teamkollegen dessen Position erkennen können. Denn die UESC-Blechkisten können schon mal ein ganzes Magazin einstecken, bevor deren Schaltkreise ausgehen.

Nach einem 5 Minuten Timer erscheinen auf der Map mehrere Extraktions-Terminals. Wir sollten uns nun auf eines zu bewegen, damit wir die erwirtschafteten Items sicher aus der Gefahrenzone bringen können. Sobald wir einen der Exfil-Spots gefunden haben entscheiden wir selbst, wann wir sie aktivieren. Nun bleiben uns knapp zwei Minuten, bevor wir uns per Teleporter Strahl raus beamen dürfen. Hat's geklappt, ist unsere Beute sicher und wandert in den Vault. Trotzdem sollte man vor feindlichen Gruppierungen auf der Hut sein und sich möglichst ruhig verhalten. Denn es kann vorkommen, dass kurz vor dem sicheren Ausstieg nochmals die Kugeln fliegen.

Die Feuergefechte erzeugen viel Lärm und alarmieren natürlich auch feindliche Runner-Trios. Je nach Karte teilt ihr diese mit bis zu 6 anderen Teams. Wenn dann plötzlich mitten im Scharmützel eine dritte oder sogar noch vierte Partei auftaucht, ist das Chaos perfekt. Wir fanden die Time To Kill, besonders bei den PvP-Battles, etwas kurz. Es war keine Seltenheit, dass unser Team innerhalb weniger Sekunden komplett auseinandergenommen wurde. Und das Game Over wird in Marathon bitter bestraft. Das gesamte Loadout plus alle gesammelten Items sind für immer weg.

Meistens erhalten wir aber trotzdem noch ein paar XPs fürs Mitmachen und leveln so kontinuierlich unseren Charakter hoch. Als Belohnung für den Aufstieg winken neue Knarren und andere hilfreiche Items, die in unseren Vault wandern. Wichtig ist auch, dass wir uns gut mit den unterschiedlichen Fraktionen verstehen. Wir kriegen von allen Seiten Aufträge angeboten, die uns beim Erfüllen zusätzliche Erfahrung und Inventar versprechen. Das reicht von simplen Geschichten wie "5 Fenster zerstören", "10 feindliche Runner eliminieren" oder "50% Fallschaden einstecken", bis hin zu komplexeren Side Missions wie verschiedene Terminals aktivieren, wichtige Datenchips lokalisieren oder Objekte scannen.

Es existieren aber auch kleine Ingame-Events. So aktivieren wir z.B. nacheinander drei CPU-Kerne, die jeweils eine Gegnerwelle starten, bis wir schliesslich vor einem Miniboss mit grossem HP-Pool stehen. Erledigen wir den Schurken, ist wertvoller Loot garantiert.

Wer das ultimative Endlevel, das "Cyro Archive", besuchen möchte, wird zuerst vor eine amtliche Herausforderung gestellt: Erreicht Level 25 und stellt zu jeder Fraktion eine Verbindung her. Das kann ein langer Grind werden, da bestimmte Aufträge nur in dem vorgegebenen Level funktionieren. Zudem dürft ihr ab sofort testweise im Zweier-Team auf der ersten Map euer Unwesen treiben. Wer die Charakterstufe 25 geknackt hat, erhält auch Zutritt zu den Ranked Matches. Hier müsst ihr ein Loadout mit mit einem vorgegebenen Mindestwert mitbringen, ansonsten kommt ihr nicht rein. Bungie plant für die Zukunft zusätzliche Shells und weitere Inhalte. Es bleibt spannend.
Fazit:
Ich verstehe Sony immer noch nicht. Die Faszination der PS5-Chefetage für Live Service Games kann ich nur schwer nachvollziehen. Und ich bin sicher nicht der Erste, der sich wundert, dass man nicht auf ein Destiny 3 gesetzt hat, sondern sich für eine komplett neue IP in einem absoluten Nischen-Genre entschieden hat. Mutig, mutig! Ob das reicht, wage ich nach diesem Test zu bezweifeln.
Sattelfestes Gunplay und grundsolide Technik bekommen wir von Bungie natürlich geliefert. Das Ballern sitzt, die flotte Steuerung macht Spass, bei brenzligen Feuergefechten schnellt der Adrenalinspiegel hoch und wenn man im Trio siegreich durch Tau Ceti IV zieht, sorgt das selbstverständlich für gute Laune. Diese wird aber konstant von minutenlangen Anlaufphasen getrübt. Denn bevor die Action losgeht, muss zuerst ein passendes Match gefunden werden. Meine Erfahrung reichte von wenigen Sekunden, über mehrere Minuten bis zum Selbstabbruch, da einfach zu wenig Teams auf den Servern waren. Bin ich dann endlich im Spiel, muss ich ständig auf meine Ausdauerleiste achten, denn meistens bin ich schon aus der Puste, bevor ich den ersten Gebäudekomplex erreiche. Die nervige Stamina Bar hätte man echt weglassen können. Man mag es uns als "taktische Komponente" verkaufen, in Wahrheit steht sich diese Mechnik selbst im Weg und stoppt den Spielfluss unnötigerweise.
Was mich ebenfalls sehr erstaunt hat war die Gegner-KI. Mit digitalen Steroiden vollgestopft, agieren sie beinahe wie echte Spieler, weichen aus, flankieren, gruppieren sich und verfügen über die Treffsicherheit eines Scharfschützen. Mehrere Male wurde mein Team nach wenigen Sekunden von den UESC-Ganoven ins Aus geschossen, bevor wir auch nur eine Box looten konnten. Beim Tod alles zu verlieren frustriert. Und wenn wir schon beim Looten sind. Nach ein paar Runs kennt man zwar die meisten Items, aber oft ist die Ausbeute gering und selten den Aufwand wert. Auch nach 20 Stunden konnte mich der eigenwillige Loop nicht richtig packen und nach zweiwöchiger Testphase bin ich über die Zukunftsaussichten von Marathon unsicher. Und damit meine ich nicht, dass Sony wie bei Concord den Stecker zieht. Mich würde es aber nicht wundern, wenn in ein paar Monaten das System auf F2P umgestellt wird, um die Spielerzahlen aufrechtzuerhalten. Uns sind zwar nur die Steam-Statistiken bekannt, aber mit 88'000 Teilnehmern als Peak muss da noch einiges kommen. Marathon hat noch einen langen Weg vor sich, und es wird sich zeigen, ob der kommende Content und die neuen Shells Sonys GaaS-Experiment langfristig am Leben halten können. Ich bleibe skeptisch.

Marathon ist für PC, PS5 und Xbox Series X|S erschienen. Wir haben das Spiel auf der PS5 getestet. Das Test-Muster stammt von Sony Interactive Entertainment, wofür wir uns herzlich bedanken.







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