The(G)net Review: Orbitals
- Sascha Böhme

- vor 9 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Orbitals braucht nur wenige Minuten, um Eindruck zu hinterlassen. Das exklusive Koop Abenteuer für Nintendo Switch 2 sieht aus wie eine verschollen geglaubte Anime Serie aus den späten 80er Jahren. Doch hinter der eindrucksvollen Fassade steckt ein Spiel, das sein enormes Potenzial nur selten ausschöpft.

Die Ausgangslage könnte problemlos aus einer klassischen japanischen Zeichentrickserie stammen. Eine Raumstation befindet sich in Gefahr und die jungen Entdecker Maki und Omura ziehen los, um wichtige Module zurückzuholen und ihre Heimat zu retten. Schon die Struktur erinnert bewusst an eine Fernsehserie. Einzelne Missionen fühlen sich wie kleine Episoden an, inklusive Zwischensequenzen, dramatischen Momenten und jeder Menge Retro Flair.

Vor allem Maki und Omura tragen das Abenteuer. Beide Figuren besitzen viel Persönlichkeit, harmonieren hervorragend miteinander und gehören zweifellos zu den grössten Stärken des Spiels. Ihre Dialoge wirken sympathisch und die Beziehung zwischen den beiden vermittelt schnell den Eindruck eines eingespielten Duos. Weniger überzeugend fällt dagegen die eigentliche Handlung aus. Orbitals versucht früh, ein grosses Mysterium aufzubauen, kann die geweckten Erwartungen aber nicht vollständig erfüllen. Viele Entwicklungen sind vorhersehbar und einige spannende Ansätze werden deutlich schneller abgehandelt, als es dem faszinierenden Universum guttun würde. Gerade das ist schade, denn die Welt rund um Maki und Omura hätte problemlos Stoff für deutlich mehr geboten. Das Design der Figuren, die Raumstationen und das gesamte Retro Science Fiction Szenario lassen immer wieder erahnen, wie viel Potenzial in Orbitals steckt. Die Geschichte macht daraus letztlich aber zu wenig.

Bei der Präsentation ist Orbitals dagegen über jeden Zweifel erhaben. Entwickler Shapefarm orientiert sich deutlich an japanischen Anime Produktionen der 80er Jahre und schafft damit eine visuelle Identität, die sich deutlich von den meisten aktuellen Spielen unterscheidet. Besonders beeindruckend sind die handgezeichneten Zwischensequenzen von Studio Massket. Auch während des eigentlichen Gameplays bleibt der Anime Eindruck erhalten. Die Figuren werden bewusst mit weniger Einzelbildern animiert, während die Umgebung mit 60 Bildern pro Sekunde dargestellt wird. Anfangs wirkt dieser Kontrast etwas ungewohnt, doch bereits nach kurzer Zeit funktioniert der Effekt erstaunlich gut. Statt klassischer 3D Figuren entsteht tatsächlich der Eindruck einer alten Anime Serie. Auch akustisch macht Orbitals vieles richtig. Die Synchronisation ist ebenfalls gelungen. Die Sprecher transportieren den überschwänglichen Anime Charakter überzeugend und verleihen besonders Maki und Omura zusätzliche Persönlichkeit.

Allerdings kann das Leveldesign mit dieser starken künstlerischen Gestaltung nicht immer mithalten. Viele Abschnitte führen uns relativ strikt durch die Umgebung und geben kaum Gelegenheit, die Welt genauer zu erkunden. Die Inspiration durch It Takes Two ist kaum zu übersehen. Bewegungsabläufe, Sprungpassagen und der grundsätzliche Aufbau vieler Herausforderungen erinnern deutlich an Hazelights Koop Hit. Grundsätzlich wäre das kein Problem, denn bewährte Mechaniken dürfen durchaus als Vorlage dienen. Orbitals übernimmt jedoch vor allem die grundlegende Struktur, ohne die spielerische Kreativität seines grossen Vorbilds zu erreichen.

Wir bewegen uns gemeinsam durch lineare Levels, lösen kleinere Rätsel und absolvieren gelegentliche Kampfpassagen. Zwischen den Missionen steuern Maki und Omura zudem gemeinsam ihr Raumschiff. Ein Spieler übernimmt das Steuer, während der andere für die Waffen verantwortlich ist. Auf dem Papier klingt das spannend, doch auch diese Sequenzen bleiben überraschend simpel. Meist fliegt man lediglich zum nächsten Ziel und erledigt einige kleinere Gegner. In den Abschnitten zu Fuss erhalten wir verschiedene Werkzeuge und Waffen, die gleichzeitig als Grundlage für die Rätsel dienen. Das Konzept funktioniert grundsätzlich gut, doch Orbitals verfügt insgesamt nur über wenige unterschiedliche Ausrüstungsgegenstände. Dadurch beginnen sich viele Aufgaben relativ schnell zu wiederholen. Gerade im Vergleich mit It Takes Two oder Split Fiction fällt dieser Unterschied deutlich auf. Während Hazelight seine Spielregeln regelmässig komplett verändert, bleibt Orbitals über weite Strecken bei bekannten Abläufen.

Auch der Schwierigkeitsgrad bleibt ausgesprochen niedrig. Die meisten Rätsel sind innerhalb weniger Sekunden verstanden und selbst Geschicklichkeitspassagen bereiten kaum Probleme. Besonders umfangreich fällt das Abenteuer ebenfalls nicht aus. Ein kompletter Durchgang inklusive einiger Minispiele und kleinerer Erkundungsausflüge dauert ungefähr fünf Stunden. Das muss grundsätzlich nichts Schlechtes sein. Problematisch ist jedoch, dass Orbitals bereits innerhalb dieser kurzen Zeit spielerisch repetitiv wird. Hinzu kommt die vollständige Ausrichtung auf zwei Spieler. Eine klassische Einzelspieler Kampagne existiert nicht. Wer Orbitals erleben möchte, benötigt also zwingend einen Partner. Immerhin erleichtert der kostenlose Freundes Pass den Einstieg. Damit kann online gemeinsam gespielt werden, obwohl nur einer der beiden Spieler das Spiel besitzt.

Etwas enttäuschend fällt auch die Nutzung der Nintendo Switch 2 aus. Orbitals erscheint exklusiv für Nintendos aktuelle Konsole, nutzt deren Besonderheiten jedoch kaum. Neben GameShare fehlen mehrere Funktionen, die sich gerade für dieses Spiel angeboten hätten. Eine Maussteuerung hätte beispielsweise hervorragend zu den Zielpassagen gepasst. Auch Gyroskop Steuerung wird nicht unterstützt. Gerade von einem Exklusivtitel hätte ich hier mehr erwartet.
Fazit:
Orbitals ist eines dieser Spiele, bei denen man sich ständig fragt, wie viel mehr möglich gewesen wäre. Optisch ist das Koop Abenteuer ein Kunstwerk, keine Frage! Der 80er Jahre Anime Stil wurde hervorragend eingefangen, die handgezeichneten Zwischensequenzen sind wunderschön und auch Soundtrack sowie Synchronisation passen perfekt zum Gesamtbild. Maki und Omura sind zudem zwei ausgesprochen sympathische Hauptfiguren, die dieses Universum problemlos durch weitere Abenteuer tragen könnten. Spielerisch fehlt Orbitals jedoch genau jene Kreativität, die ein modernes Koop Abenteuer benötigt. Rätsel bleiben zu einfach, Mechaniken wiederholen sich schnell und die Weltraumabschnitte bieten deutlich weniger Freiheit, als das Szenario zunächst vermuten lässt. Der Vergleich mit It Takes Two und Split Fiction ist beinahe unvermeidlich und fällt nicht zugunsten von Orbitals aus. Wo Hazelight ständig neue Überraschungen präsentiert, verlässt sich Shapefarm zu häufig auf seine wunderschöne Präsentation. Nach ungefähr fünf Stunden läuft bereits der Abspann und ausgerechnet dann, wenn Orbitals spielerisch langsam etwas komplexer werden könnte, ist das Abenteuer vorbei. Für einen gemütlichen Abend oder zwei funktioniert Orbitals durchaus. Wer dagegen ein kreatives Koop Feuerwerk voller neuer Ideen erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Orbitals ist exklusiv für Nintendo Switch 2 erschienen. Unser Testmuster stammt von Nintendo, wofür wir uns herzlich bedanken!







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