The(G)net Review: Call of Duty: Modern Warfare 4 Kampagne
Nach den enttäuschenden Kampagnen von Call of Duty: Modern Warfare 3 und Black Ops 7 waren meine Erwartungen an den neuesten Ableger der Shooter-Reihe ehrlich gesagt ziemlich gering. Zu oft servierte uns Activision in den vergangenen Jahren haarsträubende Geschichten, fragwürdige Gameplay-Experimente und Missionen, die mehr nach liebloser Pflichterfüllung als nach einem echten Blockbuster aussahen. Umso überraschender ist es, dass Call of Duty: Modern Warfare 4 ausgerechnet dort überzeugt, wo seine Vorgänger kläglich gescheitert sind.
Wichtiger Hinweis: Dieser Test konzentriert sich ausschliesslich auf die Singleplayer-Kampagne. Die Multiplayer-Modi und DMZ werden nicht berücksichtigt!

Vergessen wir die absurden Halluzinationen, Gedankenkontrolle und überdimensionierten Bossgegner der letzten Serienteile. Modern Warfare 4 besinnt sich wieder auf das, was die Reihe einst gross gemacht hat: eine packende Militärgeschichte, spektakuläre Gefechte und abwechslungsreiche Missionen, die uns von einem Schauplatz zum nächsten hetzen. Die Handlung setzt einige Jahre nach Modern Warfare 3 an und führt die Geschichte rund um Captain John Price und seinen Erzfeind Makarov weiter. Gleichzeitig taucht mit dem mysteriösen Archer, verkörpert von Mads Mikkelsen, eine neue Bedrohung auf. Damit steuert die aktuelle Modern Warfare Zeitlinie auf ihren grossen Abschluss zu.

Besonders gelungen ist der Einstieg. Wir begleiten die Marine-Einheit Sierra-1 während einer scheinbar harmlosen Patrouille durch Hajin City. Die Soldaten unterhalten sich, scherzen miteinander und besorgen Lebensmittel. Doch plötzlich fällt der Strom aus, Bomben schlagen ein und innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich die Stadt in ein Kriegsgebiet. Was folgt, ist eine spektakuläre Flucht durch die Dunkelheit bis zu einem nahegelegenen Stadion, wo die Einheit auf feindliche Fallschirmtruppen trifft. Statt uns sofort mit Explosionen im Sekundentakt zu bombardieren, setzt das Spiel zunächst auf Unsicherheit und eine beklemmende Atmosphäre. Wir wissen ebenso wenig wie unsere Kameraden, was hier eigentlich vor sich geht. Genau solche Momente haben mir in den letzten Call of Duty Kampagnen gefehlt.

Natürlich bleibt Modern Warfare 4 nicht lange bei seiner vergleichsweise bodenständigen Inszenierung. Schon kurz darauf übernehmen wir Captain Price, der einer vielversprechenden Spur folgt und sich zunächst mit seinen Fäusten durch einen Nachtclub schlagen muss. Dank einer integrierten Pariermechanik fühlen sich die Nahkämpfe überraschend dynamisch an, bevor die Situation in einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd durch die ganze Stadt eskaliert. Im weiteren Verlauf verbündet sich Price sogar mit Valeria und ihrem Drogen-Kartell, das wir bereits aus Modern Warfare 2 kennen. Eine ungewöhnliche Allianz, die für zusätzliche Spannung sorgt.

Das Missionsdesign präsentiert sich erfreulich abwechslungsreich. Mal kämpfen wir uns durch enge Schützengräben, mal liefern wir uns spektakuläre Verfolgungsjagden oder nehmen an gross angelegten Militäroperationen teil. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Angriff auf einen Luftwaffenstützpunkt, bei dem wir zwischen drei unterschiedlichen Charakteren wechseln. Jeder übernimmt eine eigene Aufgabe und setzt spezielle Waffen ein, um bestimmte Ziele auszuschalten. Solche Szenen demonstrieren eindrucksvoll, wie gut Call of Duty funktionieren kann, wenn sich die Entwickler auf ihre Stärken konzentrieren. Die Inszenierung ist bombastisch, das Tempo stimmt und die Gefechte fühlen sich angenehm direkt an. Trotz aller Hollywood-Action gelingt es dem Spiel, eine glaubwürdige Kriegsatmosphäre aufzubauen.

Auch die Charaktere profitieren von der besseren Inszenierung. Die Dialoge wirken natürlicher als zuletzt, selbst wenn insbesondere Valeria gelegentlich etwas dick aufträgt. Deutlich überzeugender ist dagegen Park, der Protagonist von Sierra-1. Seine Erschöpfung und seine Angst vor weiteren Kampfeinsätzen werden nachvollziehbar vermittelt. Eine besondere Erwähnung verdient Mads Mikkelsen. Der dänische Schauspieler verleiht Archer eine bedrohliche Präsenz und sorgt dafür, dass der neue Gegenspieler nicht wie ein weiterer austauschbarer Bösewicht wirkt.

Leider können die Entwickler auch diesmal nicht vollständig auf ihre umstrittenen Open Combat Missionen verzichten. Glücklicherweise beschränkt sich Modern Warfare 4 auf einen grösseren Einsatz dieser Art, doch ausgerechnet dieser gehört für mich zu den schwächsten Abschnitten der Kampagne. Statt einer klar inszenierten Mission landen wir hinter feindlichen Linien und müssen mehrere Ziele innerhalb eines weitläufigen Gebietes ausschalten. Waffen und Ausrüstung werden eingesammelt, Ressourcen beschafft und zusätzliche Hilfsmittel freigeschaltet. Das Ganze erinnert eher an eine abgespeckte Far Cry Open World als an einen klassischen CoD-Einsatz.

Besonders nervig sind Passagen, in denen wir durch verminte Schmugglertunnel kriechen müssen. Ein falscher Schritt genügt und wir dürfen den Abschnitt erneut absolvieren. Später wird dieselbe Idee in einer komplizierteren Variante wiederholt. Spannung sieht für mich definitiv anders aus. Immerhin gibt es einige gelungene Ideen. Der bekannte Herzschlag-Sensor feiert einen kleinen Auftritt und Schneenebel lässt sich geschickt nutzen, um unbemerkt in feindliche Stellungen einzudringen. Auch die Schnellreise zu wichtigen Missionszielen verhindert zumindest unnötig lange Laufwege. Trotzdem wirkt dieser Ausflug in die offene Spielwelt wie ein Fremdkörper innerhalb der ansonsten hervorragend inszenierten Kampagne.

In der zweiten Hälfte der Kampagne treffen wir zunehmend auf schwer gepanzerte Gegner, die erstaunlich viel Beschuss wegstecken. Besonders unangenehm sind Soldaten mit Schrotflinten, die uns innerhalb weniger Sekunden ins virtuelle Jenseits befördern. Dadurch verändert sich das Spieltempo spürbar. Statt aggressiv nach vorne zu preschen, müssen wir vorsichtiger vorgehen, Deckungen konsequenter nutzen und jeden Raum sorgfältig absichern. Stellenweise erinnert das Vorgehen sogar ein wenig an einen Taktik-Shooter. Grundsätzlich habe ich nichts gegen diese Abwechslung. Problematisch wird es allerdings, wenn die gegnerische KI offenbar ausschliesslich uns als Ziel betrachtet, während sie auf unsere Teamkameraden kaum reagieren. Solche Situationen zerstören nicht nur die Immersion, sondern sorgen auch für unnötige Frustmomente.

Hinzu kommen die altbekannten Eigenheiten der Serie. Wir folgen weitgehend vorgegebenen Wegen, erledigen unzählige Gegner und absolvieren obligatorische Quicktime Events. Dazu gesellen sich Stealth-Passagen, bei denen bereits ein kleiner Fehler genügt, um uns zum letzten Checkpoint zurückzuschicken. Diese Mechaniken wirken mittlerweile reichlich angestaubt, fallen angesichts der ansonsten gelungenen Action aber weniger stark ins Gewicht.

Technisch gibt sich Call of Duty: Modern Warfare 4 akaum eine Blösse. Die Umgebungen sind ausgesprochen detailliert, die Beleuchtung überzeugt und besonders während der grossen Action-Sequenzen brennt das Spiel ein regelrechtes Effektfeuerwerk ab. Ob wir durch zerstörte Strassenzüge vorrücken, Explosionen ganze Gebäudeteile auseinanderreissen oder eine äusserst verstörende Szene in einem nordkoreanischen Dorf erleben, die Präsentation bewegt sich über weite Strecken auf beeindruckendem Niveau.

Auch die Performance hinterlässt gewohnt sehr guten Eindruck. Kleinere Schönheitsfehler gibt es dennoch. Ausserhalb der Zwischensequenzen wirken manche Gesichter weniger detailliert und gelegentlich lassen sich nachladende Objekte beziehungsweise Texturen beobachten. Angesichts der gebotenen Grafikqualität kann ich darüber allerdings problemlos hinwegsehen.

Wer bei einer Call of Duty Kampagne ein besonders umfangreiches Spielerlebnis erwartet, wird auch diesmal enttäuscht. Modern Warfare 4 bleibt seiner Tradition treu und setzt auf ein vergleichsweise kurzes, dafür möglichst intensives Abenteuer. Immerhin fällt die Kampagne etwas umfangreicher aus als jene von Modern Warfare 3 und Black Ops 7. Vor allem aber ist die gebotene Qualität deutlich höher. Dennoch bleibt die Frage, ob eine solche Kampagne allein den Vollpreis rechtfertigt. Wer ausschliesslich am Singleplayer interessiert ist, sollte sich dessen bewusst sein. Der eigentliche Gegenwert eines Call of Duty ergibt sich traditionell aus dem Zusammenspiel von Kampagne und Multiplayer.
Fazit:
Nach den erzählerischen Totalausfällen der vergangenen Jahre hätte ich nicht mehr damit gerechnet, dass mich eine Call of Duty Kampagne nochmals derart gut unterhalten könnte. Call of Duty: Modern Warfare 4 ist keine Revolution, aber eine dringend benötigte Rückbesinnung auf alte Qualitäten. Für mich die beste Kampagne der aktuellen Modern Warfare Reihe und ein erfreulicher Beweis dafür, dass Call of Duty noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Die Mischung aus packender Action, abwechslungsreichen Missionen, überzeugenderen Charakteren und einer spektakulären Inszenierung funktioniert immer noch. Besonders erfreulich ist, dass die Geschichte einen würdigen Abschluss der aktuellen Modern Warfare Zeitlinie liefert. Natürlich ist nicht alles perfekt. Die missglückte Open Combat Mission, stellenweise frustrierende Gegner und einige angestaubte Spielmechaniken verhindern, dass Modern Warfare 4 ganz an die Glanzzeiten alter Tage heranreicht. Trotzdem hatte ich mit dieser Kampagne deutlich mehr Spass als mit den letzten paar Ablegern zusammen. Endlich gibt es wieder CoD-Missionen, die im Gedächtnis bleiben, und Charaktere, deren Schicksale einem nicht völlig egal sind.

Call of Duty: Modern Warfare 4 ist für PC, PS5, XBOX Series und Nintendo Switch 2 erschienen. Wir haben uns das Spiel auf dem PC und der PS5 Pro angesehen. Eines unserer Test-Muster stammt von Activision Publishing, wofür wir uns herzlich bedanken!








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